Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Vieles war schon morsch"
Jun 10, 2009
Karl Kardinal Lehmann im Gespräch"Vieles war schon morsch"

Kardinal Karl Lehmann ist eines der bekanntesten Gesichter des Katholizismus in Deutschland. Der Bischof ist Hausherr des Mainzer Doms, der 1.000-jähriges Bestehen feiert. Im Interview bei „SWR1 Leute“ sagt er anlässlich dieses Jubiläums, wie die soziale Marktwirtschaft aussehen sollte. Zudem spricht er über seine sportliche Vergangenheit und darüber, inwieweit der Papst ihn überrascht hat.

Katja Heijnen (SWR1): Die Wirtschaftskrise beschäftigt uns alle, aktuell etwa eine Bürgschaft für Opel von fast fünf Milliarden Euro. Mir wird da ganz schwindelig. Wie geht es Ihnen?
Karl Kardinal Lehmann: Oh ja. Man hat in der Verantwortung für das Bistum vielleicht mit 300 Millionen Euro zu tun, aber wenn es an die Milliarden-Grenze geht, wird es dann schon schwer vorstellbar. Allerdings: Wir bekommen jetzt auch vieles auf den Tisch, was vorher schon morsch war. Das fängt etwa mit Überkapazitäten bei Autos an. Es ist nicht nur die Wirtschaftskrise allein, sondern es hat sich manches aufgestaut.

Was Not tut, ist die Krise zu nutzen, um über das Wirtschaftssystem und das Wertegerüst dafür nachzudenken. Haben Sie den Eindruck, dass es passiert?

Manchmal kann man den Eindruck haben, dass es zu wenig geschieht, weil man im Moment ganz konkret handeln muss. Trotzdem wäre kurzsichtiges, rein aktionistisches Handeln nicht angebracht. Man muss sagen, was auf Dauer verändert werden muss. Wir haben das, was soziale Marktwirtschaft ist, etwas zu wenig ernst genommen, es unterschätzt.

Eigentlich ist es ein widersprüchlicher Begriff. Auf der einen Seite regiert der Markt, der auf Nachfrage reagiert, und ist da manchmal auch brutal; wer da nicht bestehen kann, fliegt raus. Insofern muss man den Markt zügeln. Es braucht gegenüber den selbstständigen und produktiven Kräften einen Ausgleich, und das ist die soziale Rücksicht. Und das muss jeweils neu errungen werden. Das ist nicht einfach ein System, was ewig funktioniert. Da ist uns manches im Bewusstsein verloren gegangen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Leute nach anderen Werten suchen, füllt die Krise die Kirchen?

Da bin ich skeptisch. Im Augenblick gibt es Nachdenklichkeit. Das nehme ich sehr, sehr ernst. Nicht, um mehr Leute für die Kirche einzufangen, sondern weil ich denke, das ist die Gelegenheit, um Menschen wieder Mut zu machen und sie von ihren Ängsten zu befreien. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Nachdenklichkeit nicht sehr lange anhält.

Mainz 05 ist in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Sie selbst sind fußballbegeistert. Waren Sie an dem Tag dabei?

Leider nein, da der Bischoff von Trier ins Amt eingeführt wurde. Ich habe aber, nachdem ich es hörte, die frohe Botschaft in der Sakristei verkündigt.

Sie selbst waren sehr sportlich, haben früher viel Fußball gespielt...

Ich habe gerne Fußball gespielt, in Verteidigung und Sturm. Habe leichtathletischen Fünfkampf gemacht und sehr gern Tischtennis gespielt. Als Professor hier an der Universität habe ich noch Hallenfußball gespielt, aber das wurde immer weniger, und jetzt bleibt nur noch Schwimmen in den Ferien.

Ihre Abiturarbeit 1956 widmete sich dem Thema "Die doppelte Beanspruchung der Frau in Familie und Beruf". Mussten Sie das Thema bearbeiten oder haben Sie sich freiwillig dafür entschieden?
Wir hatten ja in Baden-Württemberg Zentralabitur, man konnte nicht ahnen, was auf einen zukommt, und wer das benotet. Es gab drei Themenvorschläge. Das eine war ein Gedicht, aber ich dachte, die Deutung kann schwierig ausfallen, und das zweite war ein politisches Thema, da dachte ich ebenfalls, da lass mal die Finger davon. Da blieb das Frauen-Thema übrig. Ich wundere mich heute noch, dass ich es damals gewählt habe. Ich bin gut damit gefahren, habe dafür eine Eins bekommen.

Sie kennen Papst Benedikt gut, Sie duzen sich, haben gemeinsam Bücher veröffentlich. Sie haben nach seiner Wahl gesagt, dass dieser Papst für eine Überraschung gut ist. Gab es etwas, was Sie überrascht hat, obwohl Sie ihn schon so lange kennen?

Mich hat überrascht, dass dieser Papst im Umgang mit Kindern, Kranken, verschiedenen Menschen schnell einen eigenen Stil entwickelt hat. Man meinte, er werde ein unpolitischer Papst, er werde sich nicht so intensiv um die Nöte in der Welt kümmern. Das ist ganz anders gekommen. Bei schwer wiegenden Dingen kommt seine Stimme sehr bald. Das sind sehr positive Überraschungen, die nicht so selbstverständlich sind.

Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Gesprächs, das Katja Heijnen mit Karl Lehmann in der Sendung "SWR1 Rheinland-Pfalz Leute" am 7.6.2009 führte. Web-Fassung: Henning Hooss
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