Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
Send a text about this cardinal »
View all articles about this cardinal »
German Toleranz - von Schiller lernen
Apr 01, 2005
Das Wort Toleranz wird besonders seit der Mitte des 16. Jahrhunderts gebraucht. Das Problem gab es auch in früheren Zeiten, wenn man z. B. im römischen Weltreich viele Völker mit unterschiedlichen Religionen einigermaßen friedlich integrieren mußte. In der frühen Neuzeit hat sich auch in Europa nicht zuletzt durch die Vielzahl und das strittige Nebeneinander christlicher Konfessionen das Problem verschärft. Von Karl Kardinal Lehmann.

(Hamburger Abendblatt, 26. März 2005) Toleranz hat einen vielfältigen Sinn. Es bedeutet, vor allem im Blick auf Überzeugungen, Andersartigkeit gelten zu lassen. Dies kann sich jedoch sehr verschieden gestalten. Es kann ein nur vorübergehendes Zugeständnis sein, das man bloß taktisch macht. Toleranz kann aber auch eine Form des Hinnehmens sein, die letztlich von Desinteresse zeugt.

Toleranz kann aber auch über das bloße Ertragen - dies ist ja die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes - hinausgehen. Dann bringt man einer anderen Meinung gegenüber Achtung zum Ausdruck. Schließlich hat dies grundlegend etwas mit der Freiheit der Person zu tun. Toleranz achtet darum die freie Entscheidung anderer Menschen, Gruppen, Völker, Religionen. So ist die Geltung der Toleranzforderung über den engeren politischen Bereich hinausgewachsen.

In unseren Verfassungen werden Freiheiten garantiert, so z. B. das Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit. Es gibt das Recht, anders zu sein. Es besteht nicht mehr der Zwang, sich der Meinung einer Mehrheit zu unterwerfen.

Die Unterschiede unter den Menschen, die oft mit Gewalt beseitigt worden sind, werden zivilisiert. Es gibt nicht nur die Möglichkeit des mehr oder minder lästigen "Ertragens" abweichender Anschauungen. Echte Toleranz ist bereit, Gegensätze auszuhalten und Konflikte friedlich auszutragen. Im gesellschaftlichen Dialog gibt es gewiß die Möglichkeit des Widerspruchs und auch Formen des Widerstandes, z. B. in gewaltfreier Form.

Darum ist es auch nicht leicht, echte Toleranz einzuüben. Auch in unseren von der Aufklärung und Kritikfähigkeit geprägten Gesellschaften ist es für weite Teile der Bevölkerung immer noch schwierig, das Andersartige und das Fremde, vor allem aber auch fremde Menschen aufzunehmen und gelten zu lassen. Hier kann Toleranz manchmal eine sehr herablassende Haltung bedeuten. Die Intoleranz versteckt sich manchmal hinter Gleichgültigkeit, bricht aber bei provokativen Herausforderungen durch Fremdes plötzlich durch.

Wir brauchen eine neue Kultur der Anerkennung des Anderen und Fremden. Dies kann man aber nicht wirklich leisten, wenn man im Blick auf die Wahrheitsfrage einen prinzipiellen Relativismus vertritt. Es geht nicht darum, daß jemand im Besitz absoluter Wahrheiten ist, sondern daß ein Anspruch auf Wahrheit überhaupt anerkannt wird. Darum ist in einer modernen Gesellschaft, die grundsätzlich durch den Pluralismus gekennzeichnet ist, der verbindliche Dialog verschiedener geistiger, ethischer, spiritueller und religiöser Überzeugungen wichtig, damit mitten in aller Toleranz das Gemeinwesen auch verbindliche Maßstäbe ("Grundwerte") bereithält, um ein Minimum gemeinsamer Grundannahmen, vor allem im Blick auf das Ethos, zu gewährleisten.

Dafür braucht es die Duldung anderer geistiger Standpunkte, aber eben auch den Mut zur Aufrechterhaltung und Verteidigung des eigenen Standortes, wozu Argumentation und Dialog die vorzüglichsten Mittel sind.
40 READERS ONLINE
INDEX
RSS Feed
back to the first page
printer-friendly
CARDINALS
in alphabetical order
by country
Roman Curia
under 80
over 80
deceased
ARTICLES
last postings
most read articles
all articles
CONTACT
send us relevant texts
SEARCH