Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Die Spaltung ist nicht nur Luthers Schuld"
Nov 02, 2008
Der Bischof von Mainz spricht im GA-Interview über Reformation und Politik

Mainz. Die Spaltung der Kirche vor einem halben Jahrtausend, die bis heute noch belastet, ist nicht nur die Schuld Martin Luthers. Das erklärt Karl Kardinal Lehmann, der heute als katholischer Gast bei der Bonner Reformationsfeier in der Kreuzkirche predigt, im Interview mit dem General-Anzeiger. Über die Ökumene und über das verloren gegangene Vertrauen in die Politik sprach mit dem Mainzer Bischof Karl Rüdiger Durth.
General-Anzeiger: Herr Kardinal, Philipp Melanchthon und Martin Buber standen in der Reformationszeit auf der Kanzel der Bonner Münster-Basilika. Beim Reformationsfest 2008 werden Sie auf der Kanzel der benachbarten Kreuzkirche, dem größten evangelischen Gotteshaus der Bundesstadt, stehen. Worin würden Sie den Unterschied sehen?

Karl Kardinal Lehmann: Ich vergleiche nicht gerne sehr verschiedene geschichtliche Situationen, damals und heute. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass die einzelnen Kirchen heute Partner aus den Nachbarkirchen einladen zur Übernahme einer Predigt, auch beispielsweise am Reformationstag, und ganz bewusst ein Austausch über bisher kontroverse Fragen stattfindet.

GA: Auf dem Katholikentag 2008 in Osnabrück haben Sie vorgeschlagen, dass sich die katholische Kirche am 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017 beteiligen könnte. Wie könnte diese Beteiligung aussehen?

Lehmann: Wir müssen gemeinsam Dinge tun, die relativ unabhängig von einem Jubiläum sind, das erst in neun Jahren gefeiert wird. Wir arbeiten an theologischen Problemen weiter, dies gilt gerade für die theologischen Fragestellungen Martin Luthers; näherhin bemühen wir uns um ein möglichst gemeinsames Verständnis der Reformation, wenn auch hier Unterschiede bleiben werden. Im Übrigen werden alle diese Bemühungen nicht nur offiziell von den Kirchenleitungen veranstaltet?

GA: ...sondern?

Lehmann: Daran ist auch die wissenschaftliche Theologie beteiligt, auf andere Weise die einzelnen Gemeinden, man denke an Ökumenische Arbeitskreise auf vielen Ebenen, aber auch das vielfältige gemeinsame Wirken von Christen in der Politik, in der Caritas/Diakonie und nicht zuletzt in den Pfarrgemeinden. Da darf man nicht auf ein Jubiläum allein setzen. Zehn Jahre sind ohnehin ein weiter Weg. Haben wir die Kraft für einen so langen Weg?
Zur PersonKarl Kardinal Lehmann (72) kam als Sohn eines Lehrers in Baden-Württemberg zur Welt. Nach dem Studium der Philosophie und Theologie in Freiburg und Rom promovierte er in Rom. 1963 zum Priester geweiht, wurde er 1968 Professor in Mainz und 1971 in Freiburg. 1983 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Mainz. 2001 wurde er Kardinal.

1987 - 2008 war er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Der Kardinal, der auch zahlreiche römische Ämter innehat, ist der populärste katholische Kirchenführer in Deutschland und zählt zu den bedeutendsten katholischen Theologieprofessoren der Gegenwart.

Lehmann in Bonn

Karl Kardinal Lehmann ist am Freitag zu Gast in der Kreuzkirche am Kaiserplatz. Als katholischer Gast des protestantischen Reformationstages predigt der Bischof ab 19.30 Uhr bei der zentralen Bonner Reformationsfeier, die unter dem Motto "Um der Wahrheit willen" steht.

Lehmann wird dabei über den 1. Korintherbrief, Kapitel 11, Vers 19 predigen: "Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, damit die Rechtschaffenen unter euch offenbar werden." Im Anschluss lädt der Kreissynodalvorstand des Evangelischen Kirchenkreises Bonn zum öffentlichen Jahresempfang in die Krypta der Kreuzkirche.
GA: Ihr Nachfolger im Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, hat angeregt, vielleicht bis 2017 ein gemeinsames Lutherbild zu entwerfen. Welche Bedeutung hat Martin Luther für Sie?

Lehmann: Martin Luther ist gewiss ein sprachmächtiger, leidenschaftlicher und in vieler Hinsicht imponierender Theologe. Es ist aber tragisch, dass er zwar mit vielen guten Gründen die Kirche erneuern wollte, daraus aber schließlich - dies ist nicht nur seine Schuld - eine Spaltung der Kirche geworden ist, die uns auch heute noch belastet.

GA: Um die Ökumene ist es in letzter Zeit ruhig geworden. Ist dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Lehmann: Die weiterführende und grundlegende Arbeit ist auch in der Ökumene nicht lautstark und marktschreierisch. In aller Stille geschieht vieles positiv. Wir sind lange Zeit beim Abbau von Missverständnissen und dem Wiederfinden verschütteter Gemeinsamkeiten erstaunlich rasch vorangekommen. Kein Wunder, dass es bei den noch ungelösten Fragen mühsamer und langsamer wird. Deshalb darf man aber nicht die Flinte ins Korn werfen.

GA: Nicht nur die Kirche bedarf der Reform, sondern auch die Gesellschaft. Wo müssen gesellschaftliche Reformen Ihrer Ansicht nach ansetzen?

Lehmann: Alle Reformen müssen bei uns selbst, bei jedem Einzelnen ansetzen. Wozu sind wir alle bereit? Da muss jeder zuerst vor seiner eigenen Haustüre kehren. Ein Ruf nach Reformen, die nur die anderen angehen, ist für mich ärgerlich. Wenn man darüber einig ist, gibt es genug zu tun: die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, die Bildungsmisere, der Zerfall von Ehe und Familie. Diese Dinge hängen auch miteinander zusammen. Davon ist leider zu wenig die Rede.

GA: Viele Menschen haben ihr Vertrauen in die Politik verloren, nun auch in die Wirtschaft. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht Vertrauen des Bürgers in Staat und Wirtschaft?

Lehmann: Vertrauen kann man nicht einfach "machen". Wenn es verloren ist, kann es nur durch Glaubwürdigkeit, Sachkompetenz und den eigenen Vorbildcharakter wiedergewonnen werden. Viele Politiker realisieren dies auch. Sie nehmen ihre Verantwortung ernst. Die Existenz einiger schwarzer Schafe darf nicht zu Pauschalurteilen reizen.

GA: Was kann getan werden, um neues Vertrauen zu schaffen?

Lehmann: Jeder muss auch dazu beitragen, mehr Einsicht und Aufklärung über unsere Situation zu gewinnen. Wir dürfen uns nicht um seriös arbeitende Stellungnahmen herumdrücken. Wir sollen aber auch selbst beispielsweise in Parteien mitarbeiten, wenn wir unzufrieden sind.

GA: Könnten hier auch die Kirchen gefragt sein und einen Beitrag leisten?

Lehmann: Wir spielen als Kirche nicht direkt mit in der politischen Arena. Aber wir wollen mitarbeiten an den Voraussetzungen, nämlich an der Stärkung wichtiger Grundhaltungen, wie rücksichtsvoller Umgang miteinander, Bereitschaft zum Teilen der Lebenschancen, schonungsvoller Umgang mit der Schöpfung und Umwelt. Wir kümmern uns aber auch um die vielfachen "Opfer" unseres Systems.

GA: Immer lauter wird inzwischen die Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die auch die Armen endlich in den Blick nimmt. Ist das eine realistische Forderung?

Lehmann: Solche Programme werden ja schon, gerade durch die Kirchen, seit Jahrzehnten entworfen. Etwa durch den unvergesslichen Bischof Hermann Kunst, erster Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesregierung in Bonn, und die verschiedenen Partner von katholischer Seite. Es gibt seit Jahrzehnten veröffentliche Vorschläge. Daran fehlt es nicht.

GA: Hat der Kapitalismus abgewirtschaftet und der Sozialismus eine neue Chance?

Lehmann: Wir haben ja längst in der Sozialen Marktwirtschaft einen ganz bewussten "dritten Weg" eingeschlagen. Nur ist dieser Weg kein Selbstläufer. Auch er verlangt Erneuerung, braucht ethische Quellen. Die Väter der Sozialen Marktwirtschaft wussten dies noch sehr genau.

GA: Viele Menschen hat Angst erfasst. Ist diese berechtigt?

Lehmann: Das Aufkommen von Angst ist verständlich. Aber Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Im Übrigen kann man sie gewöhnlich nur überwinden, wenn man ihren Gründen nachgeht und die tatsächlichen Probleme anpackt. Dann kommt der Mut wieder.
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