Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Der liebe Gott und die Abwasserversorgung
Oct 24, 2008
Diskussion "Wie viel Kirche verträgt der Staat?"

MAINZ Der Papst meldet sich zur Wirtschaftskrise zu Wort. Der Streit um einen Gottesbezug in der EU-Verfassung droht die Mitgliedsstaaten zu spalten. Wie viel Religion braucht der Staat, wie viel Staat die Religion? Das Institut für Europäische Geschichte und die Landeszentrale für politische Bildung in Mainz luden zur Podiumsdiskussion in den rheinland-pfälzischen Landtag. Thomas Friedrich Koch aus der Landeskulturredaktion des SWR moderierte.

Die Trennung von Kirche und Staat gilt in Deutschland seit 1919. In der Präambel des deutschen Grundgesetzes findet sich jedoch nach wie vor ein Gottesbezug. Dass es einen solchen direkten Bezug in der EU-Verfassung nicht geben werde, damit habe er gerechnet, sagte Kardinal Karl Lehmann in der Diskussionsrunde. Er bedaure die Entscheidung jedoch nicht übermäßig: "Es kommt doch darauf an, was sonst inhaltlich in der Verfassung steht."

Christoph Link, Professor für Kirchenrecht an der Universität Erlangen-Nürnberg, warf die Frage auf, welcher Gott denn für die EU-Verfassung herangezogen werden solle. Ein lediglich christlicher Gottesbezug sei angesichts der Religionsvielfalt in der Europäischen Union unzulänglich. Wären Vertreter anderer Religionsgemeinschaften eingeladen gewesen, hätte an diesem Punkt eine interessante Diskussion anschließen können - auch hinsichtlich des Gottesbezugs im deutschen Grundgesetz.

Eine "punktuelle Zusammenarbeit" zwischen Kirche und Staat, wie sie in Deutschland praktiziert werde, halte er für richtig, erklärte Lehmann. Dieses Zusammenspiel von Trennung, Unabhängigkeit und Kooperation sei eine über Jahrhunderte ausgearbeitete Errungenschaft. "Unabhängigkeit steht nicht im Gegensatz zum Glauben", betonte er.

Mit Blick auf das Nachbarland Frankreich bezweifelte Lehmann, dass der dort propagierte strikte Laizismus, also die strikte Trennung von Kirche und Staat, tatsächlich befolgt werde. Schließlich sei die Kathedrale von Dijon mit Staatsgeldern renoviert worden. Auch Antje Heider-Rottwilm, langjährige Europa-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, sieht die französische Trennung von Kirche und Staat im Abbau begriffen. "Die Kirche steht in Frankreich sehr wohl in ständigem Dialog mit dem Staat", erklärte sie. Mathias Rohe, Professor für Bürgerliches Recht an der Universität Erlangen-Nürnberg, bezeichnete den Laizismus in Frankreich gar als "Etikettenschwindel".

Nur durch die Trennung von Staat und Kirche sei wirkliche Religionsfreiheit zu garantieren, sagte Rohe. Ein Politikanspruch "von Gottes Gnaden" käme einer Anmaßung gleich: "Sonst macht man Gott noch für Finanzkrisen und mangelhafte Abwasserversorgung verantwortlich."

In seinem Schlusswort betonte Lehmann, dass sich die Kirchen nicht auf den staatlichen Garantien ausruhen dürften, die es für sie in Deutschland schließlich durchaus gebe: "Wir haben keinen Ewigkeitsanspruch."
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