Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Da habe ich geweint – was in meinem Leben nicht oft vorkam“
Sept 21, 2008
Im Gespräch: Karl Kardinal Lehmann.

(FAZ, 17. September 2008) Im Interview äußert sich Karl Kardinal Lehmann zur Lage in seinem Bistum, seinem Amtsverständnis, dem Verhältnis zum Papst und zu seinen Tränen.

Herr Kardinal, am 2. Oktober feiern Sie Ihr Jubiläum: 25 Jahre Bischof von Mainz. Welches Lob würden Sie dann am liebsten hören?

Am liebsten gar keines.

Wirklich?

Naja, es freut jeden, wenn anerkannt wird, was man zu tun versucht hat. Ansonsten halte ich es mit der Bergpredigt: „Wehe, wenn euch alle Menschen loben“ – Lukasevangelium 6,26.

Aus der Furcht, vereinnahmt zu werden?

Ja. Es gibt aber auch eine Lobhudelei, die ich nicht mag. Ich habe getan, was ich konnte, und da waren auch Fehler dabei.

Was werfen Sie sich denn vor?

Keine großen Versäumnisse, aber ich habe mich mitunter in Menschen geirrt. Es gab auch andere Enttäuschungen. Ich denke da auch an zwei Pfarrer, die Kinder missbraucht haben und die uns gegenüber nicht offen waren. Schließlich musste ich davon in Illustrierten lesen. Das sind aber Einzelfälle.

Wie sehen Sie Ihr Bistum insgesamt aufgestellt?

Finanziell sind wir insofern gut aufgestellt, als wir über die Kirchensteuer am Wohlergehen der Region teilhaben, besonders wichtig ist dabei das Rhein-Main-Gebiet. Gut überlegen müssen wir, wie jedes Bistum, was wir mit unseren Immobilien machen, nicht nur mit den Kirchen. Wir haben 1200 Immobilien. Bis jetzt haben wir keine einzige Kirche umgenutzt und werden das auch nicht so einfach tun. Für die Instandhaltung aller Immobilien haben wir auf Dauer aber nicht das nötige Geld. Wir mussten deswegen die Gemeinden stärker in die finanzielle Pflicht nehmen. Gut aufgestellt sind wir in der Umorganisation unserer pastoralen Strukturen, weil wir uns viel Zeit gelassen haben, mit den Betroffenen zu sprechen. Mehr als je zuvor beschäftigen wir neben den Priestern auch Ständige Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten, Frauen und Männer in der Seelsorge, zusammen an die tausend Personen. Vom Priestermangel sind wir zwar auch betroffen, aber zum Glück nicht so stark wie andere Bistümer. Trotzdem klemmt es bei der „Versorgung“ der Gemeinden mit Eucharistiefeiern, die ja nur ein Priester leiten kann. Aber allein davon dürfen wir das Leben in einer Gemeinde nicht abhängig machen, es gibt ja auch andere Gottesdienstformen. Was mich am meisten bedrückt, ist der Rückgang beim Gottesdienstbesuch um mehr als fünf Prozent im Vergleich zur Zeit vor 25 Jahren. Das ist viel.

Worauf führen Sie das zurück?

Sicherlich liegt das an der generellen „Säkularisierung“ unserer Gesellschaft, an den vielen Freizeitangeboten, die es gibt. Die Lebensgewohnheiten der Menschen haben sich unglaublich geändert. Auf sie müssten wir uns mehr einstellen. Hinzu kommt eine große Zahl von konfessionsverschiedenen Ehen. In ihnen färbt der etwas liberalere Gottesdienstbesuch bei den Protestanten bisweilen auf die Katholiken ab. Ein weiterer Grund ist die mangelnde Attraktivität mancher Gottesdienste, nicht zuletzt auch der Predigt.

Welchen Stellenwert wird die Ortsgemeinde in Zukunft noch haben? Ihr Limburger Amtsbruder schreibt in seinem jüngsten Hirtenbrief, es sei vielfach zu einer „praktischen Übererwartung und theologischen Überbewertung“ der Gemeinden gekommen.

In manchen Großstadtbereichen mag dies stimmen. Aber sonst ist es mir wichtig zu betonen, dass der Mensch auch ein Wesen räumlicher Nähe ist, der Nachbarschaft und des gemeinsamen Wohnens im konkreten Umfeld. Dies wird oft unterschätzt, auch von Soziologen und Pastoraltheologen.

Sie sind ein Bischof, der stark als Theologieprofessor und Wissenschaftler wahrgenommen wird. Wäre Ihnen eine wissenschaftliche Laufbahn ohne all die Kirchenpolitik eigentlich lieber gewesen als jene in der Hierarchie?

Vor 25 Jahren vom Professorenamt Abschied zu nehmen war sehr schwer. Da habe ich geweint, was nicht oft vorkam in meinem Erwachsenenleben. Es gibt nur einen Grund, warum ich Bischof geworden bin: meine Bereitschaft, der Kirche zu dienen, wie ich es bei der Priesterweihe versprochen habe. Ich wäre vermutlich geistlich-menschlich unglücklich geworden, wenn ich mich damals verweigert hätte. Freilich konnte es einen auch reizen, Erkanntes zu verwirklichen und zu gestalten.

Waren Sie jemals amtsmüde?

Müde war ich schon gelegentlich (lacht), vor allem wegen der vielen Terminverpflichtungen. Natürlich habe ich mich auch mal geärgert, amtsmüde war ich aber nie. Ein wesentlicher Charakterzug von mir ist Zuversicht, vor allem aus dem Glauben, die etwas anderes als billiger Optimismus ist. Auch bei Niederlagen ist mir nie in den Sinn gekommen, alles hinzuschmeißen. Da dachte ich eher: jetzt erst recht.

Welche Niederlage hat Sie am meisten mitgenommen?

Der vom Papst 1999 verfügte Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung. Mir war klar, dass es gegen unsere Position für den Verbleib im Beratungssystem Gegengründe gibt und dass man das in Rom anders sieht und vielleicht auch sehen muss. Ich war aber traurig darüber, dass bestimmte Leute einen einseitigen Einfluss in Rom ausüben und ausnutzen konnten.

Wen meinen Sie?

Dies möchte ich hier nicht sagen, aber ich hatte den Eindruck, auf meine Argumente werde weniger gehört. Sicher lag es auch an der Persönlichkeit Johannes Pauls II., der aus seiner Erfahrung in Polen eine um jeden Preis eindeutige Kirche wollte. Das konnte er mit dem Verbleib in der Konfliktberatung nicht vereinbaren.

Neigen führende Kirchenmänner zu autoritären Entscheidungen?

Das kann ich so allgemein nicht sagen. Es ist immer eine Sache des jeweiligen Charakters. Einige Bischöfe haben ein problematisches, weil theologisch überhöhtes Berufsbild. Sie projizieren zu viel auf ihr Amt. Das führt gelegentlich zu einem Episkopalismus, der nicht meine Sache ist. Alleine ist ein Bischof nichts. Deswegen bin ich gerade für die vielen Haupt- und vor allem auch Ehrenamtlichen in der Kirche sehr dankbar.

Stehen jüngere Bischöfe eher in der Gefahr, ihr Amt zu überhöhen, als Männer Ihrer Generation?

Auch unter den jüngeren Bischöfen gibt es viele Typen, die einen teilen ihre Verantwortung, andere berufen sich eher auf ihre Autorität.

Der Papst ist, wie Sie, ein leidenschaftlicher Theologe. Welches Verhältnis haben Sie zu ihm, und wie unterscheidet sich Ihre Art, Theologie zu treiben, von seiner?

Wir kennen uns nun seit mehr als 40 Jahren. Joseph Ratzinger ist ein anderer Denktyp als ich. Er ist zum Beispiel ein exzellenter Augustinus-Kenner. Ich habe mich für meine erste, philosophische Promotionsarbeit viel mit Heidegger, Kant, Marx und Hegel befasst. In meiner theologischen Doktorarbeit habe ich wissenschaftliche Exegese betrieben, der gegenüber der Papst vielleicht zurückhaltender war. Eine gewisse kirchenpolitische Differenz zwischen uns gab es seit der Gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer zur Umsetzung der Konzilsbeschlüsse während der siebziger Jahre. Ratzinger hatte ein anderes Kirchenbild. Die Synode war ihm nicht sehr gewogen. Damals hat er einmal in diesem Kontext gesagt, er setze „nicht auf Gremien, sondern auf prophetische Existenz“. Er hat es einfach nicht mehr für wert gehalten, sich in der Synode mit allen möglichen Leuten herumzustreiten und so seine Zeit zu vergeuden. Er hat sich nie in das Dickicht und das Unterholz des kirchlichen Betriebs hineingegeben. Aber dies sind ja keine ernsthaften Differenzen zwischen uns. Wir haben auf vielen Ebenen und lange zusammengearbeitet. Alles andere ist ein Märchen und lässt sich durch viele Dokumente auch widerlegen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm heute?

Ich hatte nie ein Problem, ihn trotz einzelner Meinungsverschiedenheiten, die wir miteinander hatten, als älteren, ja als genialen Theologen zu verehren. Wir sehen uns aber kaum. Der Papst hat die Zahl der Audienzen drastisch gesenkt, auch, um Zeit zum Arbeiten zu haben. Mehr als sich um die kirchliche Administration zu kümmern, sieht er es zum Beispiel als seine Sendung an, in seinen Büchern das Jesusbild wieder zurechtzurücken.

Was sehen Sie als Ihre Sendung an?

Bis heute ist für mich der Maßstab geblieben, dass die Kirche sich tief mit der Moderne befassen muss, will sie ernst genommen und ihrem Auftrag gerecht werden. Dies ist etwas ganz anderes als Anpassung. Es kommt auf die Unterscheidung der Geister an. Ich bin immer für eine Kirche eingetreten, die ohne Scheuklappen in der heutigen Welt präsent ist. Wir brauchen wieder mehr „Mut zum Dialog“ – so lautet auch der Titel meines neuen Buches.

In all den Jahren haben Sie sich auch stark engagiert im ökumenischen Dialog. Seit einiger Zeit ist von einer „Ökumene der Profile“ die Rede.

Ich halte von diesem Begriff nicht viel. Natürlich braucht der ökumenische Dialog profilierte Partner. Aber ich finde es hermeneutisch und menschlich sehr schwierig, das eigene Profil zu schärfen und gleichzeitig die bestehende Gemeinsamkeit aufrechtzuerhalten. Das Erste darf nicht auf Kosten des Zweiten gehen. Aber die Tendenz zur Profilierung im Sinn der Abgrenzung ist zum Teil weit vorangeschritten. Aber so hat dieser Weg keine Zukunft.

Auch katholischerseits.

Ja, durch das missverständliche und ungut aufgenommene Papier „Dominus Iesus“ im Jahr 2000, bei dem zuerst gar kein ekklesiologischer Teil geplant war. Später wurde die Aussage, die evangelischen Kirchen seien gar keine Kirchen im wahren Sinn, zu knapp im Verhältnis zum Gewicht.

Wie soll es nun weitergehen?

Wir haben viel erreicht. Wir dürfen dies nicht preisgeben. Diese Gefahr ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gibt freilich noch einige erhebliche Differenzen im Verständnis des Kircheseins, in einigen Fragen des christlichen Ethos, zum Beispiel in der Bioethik, aber auch im Amtsverständnis besonders der sogenannten Apostolischen Nachfolge des Bischofsamtes. Man muss klar unterscheiden zwischen kirchentrennenden und nichttrennenden Differenzen. Irgendwann sind Entscheidungen auch nicht mehr in der theologischen Retorte allein zu fällen, sondern es braucht ekklesiale Entscheide. Der zweite Ökumenische Kirchentag 2010 in München schafft vielleicht eine neue Ausgangssituation.

Wie geht es Ihnen nach der akuten Herzerkrankung, die Sie im Dezember 2007 erlitten haben, inzwischen?

Es geht mir wieder recht gut, ich muss mehr auf meine Gesundheit achten. Ich muss mehr mit den Grenzen des Alters und manchen Beeinträchtigungen rechnen.

Im Jahr 2011, dann werden sie 75 Jahre alt, müssen Sie dem Papst Ihren Rücktritt anbieten. Wie gehen Sie auf dieses Datum zu?

Gelassen. Dann soll Schluss sein mit dem aktiven Bischofsamt – so der Papst es auch will. Ich habe jedenfalls noch genügend andere Dinge vor. Die theologische Forschung wird mich nicht loslassen, auch möchte ich noch das ein oder andere publizieren. Darauf freue ich mich.
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