Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Freiheit - ein gefährliches Ideal?
Sept 05, 2008
Der Mainzer Stadtschreiber Michael Kleeberg im Gespräch mit Bischof Karl Kardinal Lehmann.

(Wormser Zeitung, 04.09.2008) MAINZ "Die Deutschen haben ein ambivalentes Verhältnis zur Freiheit", sagt der Mainzer Stadtschreiber Michael Kleeberg. Nach vielen Jahren im Ausland, zuletzt in Paris, sei ihm dies bei seiner Rückkehr besonders aufgefallen: "Freiheit" gelte hierzulande zwar als erstrebenswertes Ideal, aber auch deutlich als unsicher, als gefährlich. So nutzt er nun sein Stadtschreiberjahr, um in vier "Mainzer Freiheitsgesprächen" diesem Phänomen nachzugehen. Sein erster Gesprächspartner, der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann, machte es ihm nicht leicht: Immerhin hätten ja die begeisterten, Fahnen schwenkenden Herolde der Freiheit auch die Guillotine aufgerichtet, warf er ein. Ist die Ambivalenz der Freiheit also doch mehr als ein deutsches Problem?

Keinen Disput, sondern ein "öffentliches, gemeinsames Nachdenken" hatte sich Kleeberg vorgestellt - übernahm aber dann mehr und mehr die Rolle des Interviewers und Stichwortgebers, der den Kardinal zur Position der katholischen Kirche befragte. Eine lange und wechselvolle Geschichte - Lehmann sprach vom Kampf der frühen Christenheit gegen die Sklaverei, Kleeberg vom Arrangement der Kirche mit Francos Faschisten, aber auch von dem "polnischen Papst", der ein Zeichen für die Freiheit gesetzt habe (während der Kardinal das Reichskonkordat mit der Naziregierung als einen bitteren Irrtum bezeichnete). Die Kirche sei kein geschlossenes System, so fasste er zuletzt den kurzen Rückblick auf die lange Geschichte zusammen: immer wieder sei sie gefordert, sich in konkreten Situationen neu zu positionieren und doch den Schatz von Grundüberzeugungen zu bewahren, die alle Zeiten überdauern. Die "goldene Regel" der Nächstenliebe etwa, oder das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten. Dass die Kirche einst Waffen gesegnet habe, erschrecke ihn. Immer wieder hätten Menschen solchen Missbrauch mit dem Namen Gottes getrieben. Den Begriff "gerechter Krieg" sieht er deshalb mit größter Zurückhaltung. "War der Krieg gegen Nazi-Deutschland nicht gerecht?" warf der Stadtschreiber ein.

Es ist ein "ungeheures Dilemma" überall auf der Welt, dass Freiheit immer wieder mit Gewalt erkämpft werden muss: da waren sich die Gesprächspartner einig. Und dann lenkte der Kardinal das gemeinsame Nachdenken entschlossen in eine andere Richtung: Ghandi, Nelson Mandela, Mutter Teresa, der Fall der Berliner Mauer im November 1989, ein persönliches Erlebnis mit Israelis und Palästinensern, das ihn noch heute sichtlich bewegt - es gibt Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht: Der kleine Stein, ins Wasser geworfen, zieht große Kreise.

Es ist also die Kraft der Schwachen, die die Welt zur Freiheit hin verändern kann, machte der Stadtschreiber deutlich. Und dann wollte er noch wissen, ob der Mensch, genetisch gesehen, überhaupt zur Freiheit fähig sei - was der Kardinal mit Heiterkeit quittierte: Das neue Kapitel Hirnforschung wollten dann beide nicht mehr aufschlagen. Er jedenfalls, bekräftigte Kardinal Lehmann, werde er das Lob der Freiheit stets verteidigen.
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