Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Mehr als Strukturen …“ Pastorale Neuordnungen in den Diözesen
Sept 27, 2007
Statement des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann (Mainz), beim Pressegespräch am 26. September 2007 in Fulda.

Die Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz hat sich im April 2007 in Reute bei einem Studientag ausführlich mit den pastoralen Neuordnungen in den einzelnen (Erz-)Diözesen beschäftigt. Dabei ging es sowohl um erste Erfahrungen mit bereits abgeschlossenen Prozessen als auch um Perspektiven künftiger Entwicklungen zur Neuorientierung der Pastoral. Von den 27 (Erz-)Diözesen hatten zu diesem Zeitpunkt – also im April 2007 – 17 einen Prozess der pastoralen Neuordnung begonnen oder bereits abgeschlossen.

Für solche Prozesse der Neuorientierung der Seelsorge gibt es verschiedene Gründe: Häufig wird eine Neuordnung zunächst einmal angestoßen durch eine deutlich geringere Finanzkraft einzelner (Erz-)Diözesen, besonders auch im Blick auf zukünftige Prognosen. Aber auch der Priestermangel zwingt uns zum Handeln. Zukünftige Planungen sehen deshalb sehr häufig einen veränderten Verteilungsschlüssel des Seelsorgepersonals vor, insbesondere auch der Priester.
Es sind aber nicht nur Mangelsituationen, die uns Veränderungen abverlangen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen: insbesondere die demographische Entwicklung und die veränderten Lebensgewohnheiten der Menschen. Grundsätzlich haben sich die (Erz-)Diözesen der Herausforderung zu stellen, Kirche dort einladend sichtbar zu machen, wo die Menschen leben und arbeiten.

Für die Pfarrgemeinden heißt das, unter veränderten Bedingungen in größeren pastoralen Zusammenhängen für die Menschen erkennbar zu sein. Die Kirche zieht sich nicht aus der Fläche zurück, wie es mancherorts empfunden wird, wenn Pfarreien zusammengelegt werden. Vielmehr wird die Konzentration auf pastorale Zentren die Bedeutung kirchlicher Orte wie Krankenhäuser, Sozialstationen, Schulen und Kindergärten als Orte des Glaubens stärken. Die Kirche darf nicht ihr Gesicht verlieren, wohl aber ihr Aussehen verändern, um unter ebenfalls veränderten Bedingungen den Menschen dort zu begegnen, wo der Alltag gelebt wird. Folgerichtig konnte das Thema des Studientages der Deutschen Bischofskonferenz in der Frühjahrs-Vollversammlung nur lauten: „Mehr als Strukturen … Entwicklungen und Perspektiven der pastoralen Neuordnung in den Diözesen“.

Nach diesem Studientag haben wir drei Kernorientierungen festgehalten, die bei den verschiedenen Veränderungsprozessen beachtet werden sollen:

  1. Die Vergrößerung der pastoralen Räume, die Zusammenlegung von Pfarreien und die Vernetzung einzelner Gemeinden untereinander machen einen verstärkten Einsatz notwendig, um auf vielfältige Weise den Menschen seelsorglich, räumlich und zeitlich nahe zu sein. Orte christlicher Diakonie, Institutionen der Caritas, der Bildungsarbeit oder der Kategorialseelsorge gilt es als authentische Dimension von Kirche zu verstehen.

  2. Nicht alle seelsorglichen Angebote können und müssen an einem Ort vorgehalten werden. Wir werden in den nächsten Jahren die Vernetzung der unterschiedlichen kirchlichen Orte sowie der Formen und Vollzüge von Seelsorge deutlich verstärken müssen. In diesem Zusammenhang soll auch ausdrücklich auf zeitlich begrenzte Initiativen hingewiesen werden. So ist z. B. die Wallfahrtsbewegung für nicht wenige eine zeitlich begrenzte, aber hoch intensive Zeit des Glaubenslebens, des Glaubensaustausches und der Erfahrung von Gemeinschaft in der Kirche geworden.

  3. Es ist deutlich geworden, dass die Veränderungen der pastoralen Strukturen und Einsatzformen sowie die Vernetzung der verschiedenen Orte kirchlichen Lebens eine unmittelbare Auswirkung auf die pastoralen Berufe haben wird. Die vielfach erfahrene Belastung durch eine Überfülle von Aufgaben bringt die Gefahr mit sich, dass das Einladende und Schöne eines geistlichen Berufes nicht mehr hinreichend in den Blick kommt. Wenn es gelingt, Pfarreien, pastorale Räume, kirchliche Orte der Diakonie, geistliche Zentren, Wallfahrten, Kommunitäten und Klöster in einem Netzwerk der Kirche miteinander zu verknüpfen, werden wir die Vielfalt der Berufungen einladender darstellen können.

Wir sind froh, dass es gelungen ist, die derzeit geltenden Richtlinien für die pastorale Neuordnung in den einzelnen (Erz-)Diözesen zusammenzustellen. Dieser Überblick liegt Ihnen als Arbeitshilfe Nr. 216 mit dem Titel „Mehr als Strukturen ...“ Neuorientierung der Pastoral in den Diözesen. Ein Überblick“ vor.

Fakten, Daten und Zahlen tragen zu einem realistischen Blick bei, um die Neuordnungen menschennah und pastoraltheologisch verantwortbar durchzuführen. Dabei bedarf es in jedem Fall eines sensiblen und wertschätzenden Umgangs mit dem, was in den Gemeinden gewachsen und geworden ist. Darüber hinaus ist eine vom Glauben her begründete Zuversicht bei allen Zukunftsplanungen notwendig, um das heute Aufgetragene zu gestalten.

In dem jetzt vorliegenden Überblick werden die pastoralen Neuordnungen mit Hilfe eines Tabellenformulars in drei Rubriken „Grundlagen, Strukturen und Realisierung“ beschrieben. Damit soll auch eine gewisse Vergleichbarkeit der Entwicklungen in den einzelnen (Erz-) Diözesen erzielt werden. Dennoch handelt es sich um eine Momentaufnahme, da in vielen Diözesen die Prozesse noch nicht abgeschlossen sind und spätere Eintragungen notwendig werden.

Der Überblick macht deutlich: Trotz der Verschiedenheit der (Erz-)Diözesen in unserem Land weisen die Entwicklungen und die daraus resultierenden Veränderungen eine verhältnismäßig hohe Vergleichbarkeit und beachtliche Gemeinsamkeiten auf. Es zeigt sich, dass die (Erz-) Diözesen ihre Prozesse nicht nur strukturell begreifen, sondern mit ihnen eine theologische Grundorientierung verbinden. Diese Momentaufnahme wird für die weiteren Überlegungen auch insoweit hilfreich sein, als dass bei aller regionalen Unterschiedlichkeit das gemeinsame kirchliche Anliegen sichtbar bleibt. Dabei werden (Erz-)Diözesen, die ihren Schwerpunkt in städtischen Ballungsgebieten haben, selbstverständlich andere Modelle anwenden als (Erz-) Diözesen mit weiten ländlichen Gebieten und einer eher mittelstädtischen oder dörflichen Struktur.

Ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit zeigt, dass es nicht nur ein Mangel an Priesterberufen oder die angestrengte Finanzlage ist, die zu Veränderungen der pastoralen Strukturen führen. Wer nur ‚spart’, gerät in die Gefahr, den ‚Reichtum’ zu übersehen, nämlich die Menschen, die sich der Kirche verbunden wissen, Zeit und Arbeit einbringen, um mit daran zu arbeiten, dass unsere Kirche eine sichtbare Gestalt für die Menschen hat. Deshalb wird in den kommenden Jahren der besondere Dienst der ehrenamtlich engagierten Frauen und Männer besondere Aufmerksamkeit erfahren. Ihr Dienst ist nicht einfachhin Ersatzdienst für nicht zur Verfügung stehendes pastorales Personal. Sie haben eine eigene, für die Kirche unverzichtbare Berufung. Dies kommt nicht zuletzt im Text des Nachapostolischen Schreibens „Christifideles laici“ (Papst Johannes Paul II. über die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt vom 30.12.1988) zum Ausdruck, an das wir im nächsten Jahr anlässlich des 20. Jahrestages seines Erscheinens besonders erinnern. Dieses Schreiben hat in unseren katholischen Verbänden eine wichtige Rolle gespielt. Auch die kirchlichen Verbände und Organisationen haben als Orte des diakonischen Engagements und der Vergewisserung im Glauben in den Prozessen der pastoralen Neuordnung unverzichtbare Aufgaben.

Eines macht diese Arbeitshilfe gewiss auch deutlich: Es geht um wesentlich mehr als Strukturen in den Entwicklungen und Perspektiven zur Neuordnung der Pastoral.
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