Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Für einen zweiten Aufbruch
Jun 16, 2007
»Ökumene muss intensiv unseren Alltag beherrschen«, sagt der Mainzer Kardinal Karl Lehmann.

(Evangelisches Sonntagsblatt für Bayern, 17.06.2007) Er liebt die Musik des evangelischen Komponisten Johann Sebastian Bach, schätzt Martin Luthers Bibelübersetzung und freut sich über die wiederaufgebaute Dresdner Frauenkirche: Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, warnte beim Kölner Kirchentag vor einer Verengung auf eine »Ökumene der Profile« und mahnte Fortschritte im Gespräch der christlichen Kirchen an. Wir dokumentieren - in gekürzter Fassung - seinen Kölner Vortrag.
»Der erste Aufbruch scheint sich erschöpft zu haben, Ökumene ist hoffähig geworden - ein nicht ungefährliches Klima«: Kardinal Karl Lehmann.
Foto: epd-bild
 »Der erste Aufbruch scheint sich erschöpft zu haben, Ökumene ist hoffähig geworden - ein nicht ungefährliches Klima«: Kardinal Karl Lehmann.

Es gibt ein hohes Maß von Gemeinsamkeiten, das auch mit dem Bild umschrieben werden kann, dass uns wie bei einer eingestürzten oder zerstörten Brücke noch viele verlässliche Pfeiler stehen geblieben sind und uns mehr Gemeinsames verbindet als Trennendes hindert. Dennoch gibt es bei allen Erfolgen noch bestehende Hindernisse. Sie werden angesichts der wiedergewonnenen Gemeinsamkeit noch belastender. Es handelt sich hauptsächlich um drei Brennpunkte, die nicht zufällig zwischen Theorie und Praxis, Theologie und Alltag des Lebens angesiedelt sind:

das Fehlen vollwertiger gemeinsamer Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen, die uneingeschränkt anerkannt werden;

die kirchliche Anerkennung und seelsorgliche Begleitung konfessionsverschiedener Ehen;

das Warten auf eine gegenseitige Einladung und Anerkennung im Blick auf das Herrenmahl.

Die Tragik der Kirchenspaltung erweist gerade im Persönlichsten, wie es Ehe und Familie darstellen, ihre stärkste Macht. Hier erleben viele Menschen die jahrhundertelange Entfremdung furchtbarer als im öffentlichen Verhältnis der Kirchen selbst. Dies muss ein wichtiger Motor unseres ökumenischen Einsatzes bleiben. Dies hat nachhaltig bis heute mein ökumenisches Engagement bestimmt.

Eine solche Situation ist schwierig. Der erste große Aufbruch scheint sich erschöpft zu haben. Die Hoffnung scheint nicht mehr weiterzutragen. Das Verhältnis der Kirchen zueinander erscheint trotz einiger Rückschläge in grundlegenden Fragen als entschärft.

ÖKUMENE IST HOFFÄHIG GEWORDEN - auf allen Veranstaltungen und Ebenen. Wir spüren aber auch, dass dieses Klima nicht ungefährlich ist. Schwerwiegende Differenzen, über die noch zu reden sein wird, werden eher zurückgestellt. Sie stören und sind lästig. Man geht ihnen aus dem Weg. Hier gibt es gewiss auch eine falsche Höflichkeit. Man hat sich dann in dem, was erreicht worden ist, recht und schlecht eingerichtet. Es lässt sich nicht leugnen: Je geringer die Differenzen geworden sind, umso schwieriger kann der Dialog werden. Es besteht die Gefahr, dass immer weitere Unterschiede beigebracht werden, welche vielleicht keinen entscheidenden Rang haben, aber eben als beinahe unüberwindbar angesehen werden. So erscheint plötzlich der Ablass viele trennende Aspekte aufzuweisen, dass man dies - manchmal ohne es zu wollen - gegen die Grundvereinbarung in der Rechtfertigungslehre vom 31. Oktober 1999 wendet, ohne im Übrigen die wichtigen neueren theologischen Interpretationen zum Ablass zur Kenntnis zu nehmen.

DIESE OBJEKTIV HEIKLE SITUATION kann leicht zu falschen Grundeinstellungen führen. Man verfällt in Resignation, weil der ökumenische Frühling vorüber ist. Vielleicht hat man da und dort auch zu sehr und auch zu unreflektiert auf irreale Hoffnungen gesetzt. Viele sehen nur noch einen Stillstand auf dem Weg zur Einheit; der offizielle Ökumenismus bestätige nur sich selbst; darum sei der Rückzug auf kleine, lebendige Basisgruppen die einzige Rettung; die etablierten Kirchen seien letztlich reformunfähig; eine Stärkung dieses Ökumenismus sei - so heißt es - sogar unerwünscht, weil er nur die konservativen Kräfte in den Kirchen stütze. So wird der Aufruf zum eigenen, nur aus dem ökumenischen Gewissen geborenen Handeln verständlich, das in vorwegnehmender Zivilcourage das tun soll, was ohnehin längst geboten, aber formell (noch) nicht erlaubt sei.

Es gehört zur Nüchternheit und auch Glaubwürdigkeit der ökumenischen Arbeit, dass man sich des bleibenden Wegcharakters bewusst sein muss. Dabei werden Enttäuschungen und auch manchmal rückläufige Tendenzen unvermeidlich sein. Es gibt im Leben des Geistes und des Glaubens nie bloß breite Königs-straßen ohne verschlungene Pfade, Umwege und Holzwege, Abwege und Irrwege. Dennoch wäre es fatal, wenn eine resignierende Grundstimmung sich gegen ihre letzte Absicht daran beteiligen würde, das immer noch brennende ökumenische Feuer löschen zu helfen. Wer die gewachsenen Differenzen in ihrer Tiefenwirkung zu gering schätzt und auf ihre ernsthafte Aufarbeitung meint verzichten zu können, wird nur Scheinerfolge erreichen können. Nach meiner Erfahrung sind jedoch nicht gedeckte Schecks in der Ökumene besonders gefährlich, weil nach ihrer Entlarvung die Enttäuschung entsprechend groß ist.

Ziel ist eine theologische Übereinstimmung um der kirchlichen Einheit willen. Die Übereinstimmung muss freilich nicht alle Verschiedenheiten aufheben, sondern will nur jene überwinden, die kirchliche Gemeinschaft verhindern. Wir sprechen so von kirchentrennenden Differenzen.

Unter diesen Voraussetzungen bezieht sich der evangelisch-katholische Dialog vor allem auf die drei Gebiete Eucharistie, Kirchesein, Amt. Es lässt sich nicht übersehen, dass diese und andere Fragen, vor allem auch der Marien- und Heiligenverehrung, durch die am 31. Oktober 1999 unterzeichnete Vereinbarung zur Rechtfertigung zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem sogenannten »Einheitsrat« in Rom eine ganz neue Dimension erhalten haben. Hier wurde ein Einvernehmen gefunden, trotz verbleibender Unterschiede im Einzelnen sind in Grundwahrheiten des Rechtfertigungsverständnisses keine kirchentrennenden Hindernisse gegeben.

Inhaltlich wird die Weiterarbeit nicht zuletzt darin bestehen, dass im Zusammenhang der Rechtfertigungsbotschaft die gemeinsamen Fundamente für das Verständnis der Kirche und des Kircheseins bedacht werden müssen. Die Frage nach den Sakramenten und dem Amt kann dadurch auch leichter und besser gelöst werden, wenn man sie in diesen größeren Kontext der Kirchenfrage einbezieht.
»Es gibt keine Alternative zum Gebot des Herrn«

Es kann hier gewiss auch nicht darum gehen, dass wir uns gegenseitig »Sündenregister« vorlegen, wenn sie überhaupt solche sind. Es ist freilich notwendig, sich die Frage zu stellen, was hinter einem gewissen Wandel der Grundstimmung stehen könnte, der sich für mich nach der Jahrtausendwende bemerkbar gemacht hat (die Bevorzugung der »Lutherübersetzung« in ökumenischen Gottesdiensten sowie das Erscheinen von »Dominus Iesus«).

WIR SIND HEUTE IN GEFAHR, eine Ökumene ohne theologischen Tiefgang zu betreiben. Dann belässt man es auch leicht bei den üblichen Forderungen an den ökumenischen Partner. Man hat dann selbstverständlich auch das Gefühl, es herrsche ein Stillstand, obgleich dies gar nicht so ist.

Damit hängt eng zusammen, dass ich oft das Gefühl habe, wir verharrten in einer ökumenischen Immobilität. Gerade der geistliche Ökumenismus, etwa der Gruppe von Taizé, erinnert uns immer daran, dass wir auf dem Weg der Ökumene umkehren müssen und nach vorne hin je auf unsere Weise und gemeinsam spirituell wachsen. Dies kann und wird gewöhnlich auch in kleinen Schritten geschehen. Wir haben aber nach meiner Einschätzung eine abnehmende Veränderungsbereitschaft, wenn es um dieses gemeinsame Wachsen in der Ökumene geht. Man fordert immer stärker eine wechselseitige Anerkennung, die eine sofortige Beendigung aller Trennungen verlangt. Es ist eine gewisse spirituelle Weigerung: »Du musst mich so annehmen, wie ich bin.« Das ist gewiss wichtig für die Ausgangssituation, wo nur Gleiche mit Gleichen, die sich auch so anerkennen, miteinander in einen Dialog kommen können. Aber dann ist auch klar, dass man auf diesem Weg und in diesem Prozess durch den anderen und mit ihm lernen kann und muss. Mit dem Theologieverlust und dem Schwächerwerden der ökumenischen Impulse gibt es auch eine abnehmende Veränderungsbereitschaft.

Wenn diese Feststellungen stimmen, geben sie zu denken. Dann müssen wir uns auch fragen, ob wir auch von Amts wegen eine genügende ökumenische Dynamik schaffen oder uns kräftig einsetzen, damit die Suche nach mehr Einheit lebendig bleibt. Vielleicht finden die immer wiederholten Vorwürfe, die Ökumene leide am meisten unter den untätigen Kirchenleitungen, hier ein Körnchen Wahrheit. Wenn die Spannung überdehnt oder gar nicht genützt wird, verläuft sie im Flachen.

Wir werden auch diese Probleme Schritt für Schritt abzubauen versuchen und ehrlich, auch wenn es länger dauert, einer Lösung entgegenführen. Es gibt keine Alternative vor allem zu dem Gebot des Herrn, dass wir mit allen Kräften Trennungen, wo es notwendig und möglich ist, überwinden und die zerbrochene Einheit wieder suchen und finden.

Wie soll es weitergehen? Zunächst einmal müssen wir offen und aufrichtig die Situation bedenken. Ökumenische Gewissenserforschung tut Not. Aber dann müssten wir auch endlich intensiver die Themen angehen, die wir schon seit längerer Zeit immer wieder umgehen, wenngleich durchaus in der Ökumenischen Theologie einiges geschieht.

IM LAUF DER LETZTEN JAHRE ist mir immer wieder ein wichtiges Grundgesetz des ökumenischen Miteinanders in den Sinn gekommen. Gerade wenn man das eigene Profil stärker betont, wie es auch z.B. durch die Hervorhebung der Luther-Übersetzung der Bibel geschieht, gibt es ein gutes Kriterium, nämlich ob wir uns freuen können an der Stärke des anderen, nicht nur an Bach, sondern am Wiedererstehen der Frauenkirche in Dresden. Aus dieser Anerkennung des anderen und vielleicht zuerst oder manchmal auch auf längere Strecke Fremden wird echte und nachhaltige Gemeinschaft, die uns im Geist Jesu Christi enger zusammenführt. Für mich ist eine ernsthafte Fortsetzung des Austausches zwischen uns das Gebot der Stunde, nicht allein die »Ökumene der Profile«. Es gibt aber auch große gemeinsame Gestalten, die uns auf dem Weg begleiten, wie z.B. Roger Schutz, dessen tragischer Tod uns nicht von seinen bleibenden Impulsen trennen darf.

Es bleibt das Gebet für die Einheit. Nichts ist wichtiger als die gemeinsame Fürbitte an den Herrn. Es gibt vieles, was wir sofort könnten und was nicht verboten ist. Ich denke an eine gemeinsame Lesung der Heiligen Schrift, gerade auch im Blick auf den Alltag des Glaubens. Warum schweifen wir oft in die Weite, wo das Gute doch so naheliegt? Warum nutzen wir nicht auch das, was sofort und ohne Konflikt angepackt werden kann. Ökumene ist nichts Extravagantes, sondern muss intensiv den Alltag beherrschen.
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