Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Wir wollen keinen religiösen Mischmasch"
Jan 03, 2007
Kardinal Lehmann über neuen Glauben, die Auseinandersetzung mit dem Islam und eine Überarbeitung der Richtlinien für "multireligiöse Feste". Anwohner wehren sich gegen die erste Moschee im Osten.

(Berliner Morgenpost, 3. Januar 2007) Berlin - Der Mainzer Erzbischof, Kardinal Karl Lehmann, äußert sich immer wieder auch zu weltlichen Dingen. Zum Jahreswechsel warnte er davor, die großen Errungenschaften des Sozialstaats preiszugeben. Der notwendige Umbau dürfe nicht gleichgesetzt werden mit dessen Abbau, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Als ein Wunder bezeichnete er die Einigung Europas in der vor 50 Jahren gegründeten EU. Derzeit hätten die Staaten die Chance, die Europaidee neu zu beleben. Eine nicht zu unterschätzende Rolle könne dabei die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Deutschland spielen, so der Erzbischof. Daneben bewegen Kardinal Lehmann aktuelle religiöse Fragen. Mit ihm sprach Gernot Facius.
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Berliner Morgenpost: Herr Kardinal, der Satz von der "Wiederkehr des Religiösen" ist so strapaziert, dass man ihn gar nicht gerne wiederholen möchte. Handelt es sich nicht eher um eine diffuse Religiosität?

Karl Kardinal Lehmann: In der Tat ist die "Wiederkehr des Religiösen" ambivalent. Religion ist nicht von vornherein immer schon gut. Es muss wirklich um den letzten Sinngrund für den Menschen gehen, der ihm sein Leben meistern hilft. Religion muss den Menschen zur Freiheit führen und darf ihn nicht erneut knechten. Sie darf nicht in problematische Formen verführerischer Religiosität zurückfallen. Hier gibt es auch viele Kuriositäten, darunter gefährliche, zum Beispiel satanische Kulte.

Sie reisen mit der Bischofskonferenz im Frühjahr nach Israel. Welches Signal soll von dieser Visite ausgehen?

Das Heilige Land, in dem Jesus lebte, gehört zur Quelle unseres Glaubens. Die Christen brauchen Ermutigung, im Land zu bleiben. Schließlich wollen wir auch die Fragen und Nöte des israelischen Volkes näher kennenlernen und haben deshalb auch Gespräche mit Verantwortlichen vorgesehen, nicht zuletzt auch mit der Führung der Palästinenser. Es ist freilich zurzeit viel im Fluss.

Der Disput über den Islam wird auch 2007 weitergehen. Im Kirchenvolk herrscht Verwirrung, wie auch die Reaktion auf Kardinal Meisners "Richtlinien" über multireligiöse Feiern gezeigt hat. Bedürfen die "Leitlinien" der Bischofskonferenz aus dem Jahr 2003 einer Präzisierung?

Ja, eine Überarbeitung der "Leitlinien für multireligiöse Feiern" ist aus verschiedenen Gründen angesagt: Die Arbeitshilfe ist vergriffen; in der Neuauflage sollen die Erfahrungen der letzten Jahre verarbeitet werden. Einige Dinge können präzisiert und vielleicht korrigiert werden. Es gibt auch Anfragen mehr allgemeiner Art aus Rom. Wir wollen ja keinen "religiösen Mischmasch" fördern. Die Möglichkeit gemeinsamer Gottesdienste muss zweifellos genauer geklärt werden. Hier gibt es auch eine noch nicht abgeschlossene theologische Diskussion (Haben wir denselben Gott?) und darin die Tendenz, bei gottesdienstlichen Zusammenkünften jeweils in der eigenen Religion in Gegenwart anderer zu beten, aber nicht in gleichlautenden gemeinsamen Gebetsformen.

Sie haben vor zwei Jahren in dieser Zeitung deutliche Vorbehalte gegenüber dem "Dialog" mit Muslimen geäußert. Inwieweit hat sich Ihre Einstellung verändert?

Ich war etwas skeptisch, weil mir die übliche Rede vom Dialog zu leichtfüßig und manchmal geradezu blauäugig vorkam. Durch die Vorkommnisse vor allem der letzten Monate empfinde ich diesen Dialog zwar als schwierig, aber nach diesen Erfahrungen noch notwendiger und vielleicht mit mehr Chancen verbunden.

Die EKD betont wieder stärker den Missionsgedanken - auch gegenüber den Muslimen. Was sagt die katholische Kirche?

Wir hatten den Missionsgedanken immer wieder hervorgehoben, so im Konzilsdekret über die Missionstätigkeit ("Ad gentes", 1965) und in einer viel zu wenig bekannt gewordenen Enzyklika von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1990 ("Redemptoris missio"). Die Kirche in unserem Land hat das missionarische Bewusstsein in mehreren wichtigen Texten zu wecken versucht. Für die Kirche ist dies eine Überlebensfrage. Die Muslime sind als potenzielle Adressaten nicht ausgeschlossen, werden aber auch nicht besonders herausgestellt.

Muslimische Organisationen in Deutschland beklagen sich, dass ihr moderates Verhalten in den Diskussionen nicht hinreichend gewürdigt worden sei. Eine berechtigte Klage?

Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die anerkennenswerten Reaktionen manchmal etwas spät kamen. Die leiseren Töne wurden dann leider oft nicht mehr so wahrgenommen. Aber wir haben das moderate Verhalten wahrgenommen und anerkannt.

Herr Kardinal, seit Monaten wird über die "Freigabe der alten Messe" spekuliert. Was ist konkret aus Rom zu erwarten?

Trotz unseres Besuches "Ad limina" in Rom im November habe ich hierüber keine genaueren Informationen. Ich weiß kaum etwas, was über die Vermutungen in den Medien hinausreicht.

Besteht die Gefahr, dass es über dieser Frage zu einem Riss oder gar zu einer Spaltung kommen könnte? Sie haben ja bisher Bitten um die Erlaubnis zur Feier der "alten Messe" eher restriktiv gehandhabt.

Zu einem tieferen Riss wird es wohl nicht kommen. Der Papst ist bestrebt, das andauernde oder drohende Schisma zu beseitigen beziehungsweise zu verhindern. Als Bischof muss ich bestrebt sein, alle Mitglieder der Kirche in ihren ernsthaften Anliegen zu verstehen und ihnen auch, soweit dies möglich ist, entgegenzukommen. Deswegen habe ich auch in einem Fall die Erlaubnis zur Feier der "alten Messe" im Bistum gegeben.

Der wirkliche Bedarf ergibt sich im Übrigen nicht aus manchmal lautstark vorgetragenen Forderungen.

Krisen in Ihrer Kirche werden von manchen Gläubigen mit dem Verlust der "alten Messe" in Verbindung gebracht. Ist diese Einschätzung also übertrieben?

Ich halte sie im Vergleich zu den elementaren Herausforderungen in unserer Zeit und damit auch zu den wirklichen Einbußen der Kirche in der Tat für überzogen. Ich bin selbstverständlich für die Wertschätzung der lateinischen Sprache und Kultur. Aber ich entdecke nicht selten hinter dem Ruf zur Messe von 1962 dogmatische Abwertungen unserer nach dem Konzil erneuerten Eucharistiefeier, die ich keinesfalls teilen kann. Mit Trauer und Bedauern muss ich auch feststellen, dass in manchen Unterschriftenlisten Kinder und solche Leute geführt werden, die mit Sicherheit kein Latein können. Im Übrigen wäre mir bei der Einführung der erneuerten Messe 1969 eine längere Übergangszeit mit Duldung der "alten Messe" lieber gewesen.

Und das war nicht möglich?

Ich habe dies Kardinal Julius Döpfner damals dringend geraten. Papst Paul VI. wollte jedoch einen entschiedenen und klaren Übergang.

Die Kirchen müssen, Stichwort demografische Entwicklung, Gotteshäuser und Kirchengebäude aufgeben. Wo hat die "Umwidmung" ihre Grenzen?

In der Öffentlichkeit werden solche Maßnahmen überschätzt, zum Teil auch falsch kommentiert. Ich will Ungeschicklichkeiten nicht leugnen. Aber die Sache selbst ist einfacher: Zu den Kirchen gehören viele Immobilien, deren Sanierung auf absehbare Zeit finanziell kaum verantwortbar ist. Darunter können auch einige Kirchen und Kapellen sein. Im Einzelfall kann es besser sein, eine Kirche abzureißen, anstatt sie fragwürdigen Zwecken auszuliefern. Man sollte aber die Anzahl nicht überschätzen. In meinem Bistum ist bisher keine einzige Kirche umgewidmet worden. Man muss jedoch jedem Bistum in seiner Situation gerecht werden. Es ist kein Thema für kulturkritische Lamentos in Feuilletons.

Verstärken Skandale in Politik und Wirtschaft die Verdrossenheit an der Demokratie?

Zweifellos kann dies zum Beispiel Wahlmüdigkeit hervorrufen, die wir ja in letzter Zeit sehr beklagen müssen. Aber die Skandale sind auch der Widerschein falscher Verhaltensweisen in der Gesellschaft überhaupt. Man nimmt, was man bekommt, der Profit unterdrückt das Ethos. Insofern kann die "Verdrossenheit" auch etwas heuchlerisch werden.

Die katholische Kirche hat ein besonders intensives Verhältnis zu Polen. Wie kann sie helfen, das Tief zwischen Warschau und Berlin zu überwinden?

Die Wurzeln für die Aussöhnung mit Polen liegen tief. Der Prozess dazu war ja auch mühsam. Aber darum ist auch die Versöhnung keine Eintagsfliege, die sich durch den Wechsel von Stimmungen und auch bestimmten Politikern zu sehr beeinflussen ließe. Die jetzige Phase nehmen wir ernst, weil sie alte Vorurteile auf beiden Seiten wecken kann. Aber sie ist wohl nur ein Zwischentief.

Sie haben sich sehr verhalten zu einem Zentrum gegen Vertreibungen geäußert. Warum? Muss nicht auch Polen bereit sein, seinen Teil an der Tragödie der vertriebenen Deutschen zuzugeben?

Unsere Kirche war nicht grundsätzlich zurückhaltend. Ich habe immer nur drei Bedingungen formuliert: Wir sprechen uns gegen alle Vertreibungen in Europa aus, somit auch gegen die "ethnischen Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien. Zweitens: Wir wollen nicht nur vom Unrecht der Vertreibungen sprechen, sondern auch von der erreichten Aussöhnung. Drittens: Der Ort eines solchen Zentrums mit europäischen Dimensionen muss einvernehmlich entschieden werden, auch zum Beispiel unter Beteiligung der Episkopate in Polen und Deutschland. Gewiss braucht man auch in Polen ein neues Verständnis für das Unrecht aller Vertreibungen. Lassen wir den Menschen in Polen dafür jedoch Zeit.
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