Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
Send a text about this cardinal »
View all articles about this cardinal »
German Ist Gott Weihnachten näher bei uns, Herr Kardinal?
Dec 22, 2006
Das große BILD-Interview mit Karl Kardinal Lehmann.

Audienz bei Karl Kardinal Lehmann (70), dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Deutschlands prominentester Priester.

Seine Eminenz (schwarzer Anzug, weißer Priesterkragen) empfängt in einem der Bibliotheksräume im Erdgeschoss der Mainzer Bischofsresidenz. Dort kann der Kardinal in rund 100 000 Büchern lesen.

BILD: Wie würden Sie einem Kind Gott beschreiben?

Lehmann: ER ist der, dem wir die ganze Welt verdanken. Aber eigentlich sollte man vermitteln, dass Gott nicht abbildbar ist. Du sollst Dir kein Bildnis machen, heißt es in der Bibel. Doch da wir Menschen nun einmal Anschauungen brauchen, scheint mir das Bild von dem Vater, der den verlorenen Sohn in seine Arme nimmt, ein ganz besonders schönes, wichtiges zu sein.

BILD: Wo wohnt Gott, wo ist Gott?

Lehmann: Der Himmel ist da, wo Gott ist. Und der Himmel, das ist Seligkeit. Aber Gott ist natürlich überall, je auf seine Weise. Er ist im Herzen des Menschen. Er ist da, wenn Menschen sich sehr gut verstehen. Er ist aber auch da, wo ich z. B. trotz großer Schwierigkeiten, trotz großen Leids, die Hoffnung nicht aufgebe und mich nicht unterkriegen lasse. Gott ist auch beim Tapferen, der einem, der allein steht und dem niemand sonst hilft, beispringt. Aber er ist besonders nah in seinem eigenen Wort, im Wort Gottes, in den Gotteshäusern.

BILD: Und wo war Gott, als die 14-jährige Stephanie wochenlang missbraucht wurde oder der kleine Leon in der Wohnung seiner Mutter verdurstete oder ...

Lehmann: Ja, das ist die Urfrage des Menschen gegenüber allem Leid. Auch Jesus fragt: Warum mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

BILD: Ja, warum?

Lehmann: Diese Warum-Frage können wir Menschen nicht befriedigend beantworten. Gott schenkt den Menschen Freiheit, letztlich sogar auch, das Böse zu tun.

BILD: Und was sagen Sie beispielsweise den Eltern, die ihr Kind ausgerechnet auf einem Weihnachtsmarkt verloren haben, weil ein Ast von oben herabfällt und die 4-jährige Tochter erschlägt? Und die nun fragen, wie, lieber Gott, konntest Du das zulassen?

Lehmann: Diese Frage kann kein Mensch der Welt beantworten. In solchen Situationen ist der Glaube umso wichtiger. Nur er hilft durch die Finsternis. Entscheidend ist, dass wir bei einem solchen Leid bei den Menschen bleiben, dass wir sie nicht allein lassen.

BILD: Können Sie verstehen, dass sich Menschen in solchen Fällen dann auch von Gott abwenden?

Lehmann: Auch im Glauben gibt es Nacht und Wüste und Trockenheit. Gott muss man eigentlich immer suchen. Und zwischen Suchen und Finden kann unter Umständen eine lange Strecke sein.

BILD: Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich nicht an Gott glaube?

Lehmann: Das würde ich bei niemandem einfach voraussetzen. Aber es gibt auch keine Legitimation, nicht an Gott zu glauben. Ich bin sowieso skeptisch, wenn Menschen sagen, dass sie überhaupt nicht an Gott glauben. Irgendwo hat doch jeder einen letzten Halt, für den er vielleicht nur keinen Namen kennt. Ich sage gerne, Gott hat viele Vornamen, ob das Hoffnung, Gerechtigkeit oder etwa Liebe ist.

BILD: Sind die Menschen zu Weihnachten Gott näher?

Lehmann: Gott ist immer nahe bei uns. Er ist nahe – aber wir sind vielleicht weit weg. Aber dadurch, dass er nah ist, kann man sich ihm immer nähern. Natürlich bietet eine Zeit wie Weihnachten mehr Chancen, Gott kennenzulernen.

BILD: Erhört mich Gott auch, wenn ich nur zu Weihnachten bete?

Lehmann: Wenn ich ernsthaft bete, erhört mich Gott immer.

BILD: Wie bete ich überhaupt richtig?

Lehmann: Das Beten hat ungeheuer viele Möglichkeiten. Ob Menschen aus ihrem eigenen Leben erzählen, wenn sie Gott anrufen, ob sie klagen, ob sie schreien oder ob sie freudig sind.

BILD: Kann ich nur mit Hilfe der Bibel beten?

Lehmann: Beten können Sie immer und überall. Beten bedeutet, die Nähe zu Gott zu suchen. Das Gebet ist eine Oase in unserem Leben. Das kann oft ein sehr kurzes Gebet sein, das muss kein langes Gebet sein. Es gibt z. B. das Stoßgebet, wo ich nur sage: „Mein Gott!“ wenn ich nicht mehr zurechtkomme und mich ein Stück weit befreie aus der Enge dessen, was ich erlebe.

BILD: Darf man sich von Gott auch etwas wünschen, etwa „Lieber Gott, mach, dass ich ein Auto geschenkt bekomme ...“?

Lehmann: Natürlich gibt es auch Bitt-Gebete. Wenn ich krank bin oder vor einer Operation stehe und sage: Lieber Gott, gib, dass ich wieder gesund werde. Das ist ein ganz legitimes Gebet. Aber, Bitten kann auch schlechtes Betteln werden. Und kann sogar so weit führen, dass man mit Gott einen Kuhhandel treibt und sagt, also wenn ich wieder gesund werde, dann gehe ich öfter in die Kirche. Das ist ein unangemessenes Handeln mit Gott.

BILD: Wie feiern Sie selbst Weihnachten?

Lehmann: An vielen Weihnachten bin ich am Heiligen Abend zu einem sozialen Brennpunkt gegangen, habe mit Obdachlosen gefeiert, war im Waisenhaus, auf einer Krebsstation, in Gefängnissen, auch mal in einem Frauengefängnis. Dieses Jahr gibt es ein ganz einfaches Weihnachtsfest zu Hause mit meinen Mitbewohnern, mit den Ordensschwestern und meinem Sekretär, der im Haus wohnt. Abends gehe ich zur Messe in den Dom.

BILD: Und was gibt’s zu essen?

Lehmann: Ich brauche keine Weihnachtsgans, ich mach da kein großes Gelage. Weihnachten ist für mich nicht so vom Essen her definiert.

BILD: Welche Erinnerungen aus Ihrer Kindheit haben Sie an Weihnachten?

Lehmann: Ich bin 1936 geboren, während meiner ersten bewusst erlebten Weihnachten herrschte Krieg. Mein Vater war jahrelang an Weihnachten nicht bei uns. Mal wussten wir über Wochen und Monate gar nicht mehr, wo er ist und ob er überhaupt noch lebt. Weihnachten gab es damals auch keine Geschenke wie heute. Wir waren froh, wenn wir neue Strümpfe, neue Schuhe bekamen. Aber die Freude an diesen einfachen Dingen war vielleicht größer, als wenn ich heute Luxusgeschenke bekomme, die ich eigentlich nicht brauche. So habe ich an Weihnachten mit 10 Jahren zum ersten Mal eine Banane geschenkt bekommen und eine Orange gesehen. Und ich muss sagen, das kleine Glück von damals kommt mir eigentlich immer noch als sehr großes Glück vor. Und natürlich war die Freude groß, als mein Vater 1945 nach Hause kam, als wir wieder mit ihm und der ganzen Familie Weihnachten gefeiert haben. Aber ich werde auch die Gottesdienste und die Gespräche, die ich mit Obdachlosen hatte, nie vergessen. Menschen, denen das Leben oft böse mitgespielt hat, bei denen scheinbar alles danebengegangen ist.

BILD: Was ist das schönste Geschenk, das sich Menschen machen können?

Lehmann: Das allerschönste Geschenk ist, Zeit füreinander zu haben. Sich auch Zeit zu nehmen für jemanden, der leidet. Vielleicht auch für Menschen, mit denen nicht immer leicht umzugehen ist.

BILD: Was wünschen Sie sich selbst zu Weihnachten und für das neue Jahr?

Lehmann: Zeit. Schöne, gute Zeit. Und ich wünsche mir Frieden im Nahen Osten, dazu eine Lösung für die verzweifelte Situation im Irak und dass man mit schwierigen Regierungen wie im Iran, Syrien oder Libanon auf dem Weg des Gespräches eine Aussöhnung findet. Ich denke aber auch, dass es bei uns viel Leid gibt. In Berlin gibt es ca. 40 000 hungernde Kinder. Wir dürfen gerade zu Weihnachten nicht das Elend vor der eigenen Türe übersehen.
43 READERS ONLINE
INDEX
RSS Feed
back to the first page
printer-friendly
CARDINALS
in alphabetical order
by country
Roman Curia
under 80
over 80
deceased
ARTICLES
last postings
most read articles
all articles
CONTACT
send us relevant texts
SEARCH