Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Verantwortung übernehmen
Oct 05, 2006
Eröffnungsvortrag von Karl Kardinal Lehmann bei der Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda

FULDA, 26. September 2006 (ZENIT.org).- Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, forderte am Montag in Fulda ein Konzept von sozialer Gerechtigkeit, dass dazu verpflichtet, „die Teilhabe eines jeden Menschen an der Entwicklung des menschlichen Lebens sicherzustellen“.

Ein ausführliches Referat des Kardinals, der dem Bistum Mainz als Bischof vorsteht, bildete den Auftakt der diesjährigen Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischöfe, die vom 25. bis zum 28. September 2006 in Fulda tagen.

Zum Konzept der sozialen Gerechtigkeit, das Kardinal Lehmann für nötig hält, gehört auch „die Wiederherstellung der eigenen Fähigkeiten“ im Sinne einer verstärkten Übernahme von Eigenverantwortung – um „Schmarotzertum“ vorzubeugen und im Sinne des Subsidiaritätsprinzips „nicht Abhängigkeit, sondern Selbstständigkeit zu fördern“. Eindeutig bekannte sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz zur sozialen Marktwirtschaft.

Kardinal Lehmann sagte zu Beginn, dass es zunächst notwendig sei, eine Begriffsklärung vorzunehmen. In seinem historischen Exkurs stellte er bei den verschiedenen Vertretern grundlegender ethischer Konzepte die Wandlung dieses Begriffs heraus, der nach mehreren Jahrhunderten zum „Gemeingut der Katholischen Soziallehre“ avanciert sei. So sei es „auch nicht zufällig, dass die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit schon in der Botschaft der Konzilsväter vom 20. Oktober 1962, also zu Beginn des Konzils, unter Verweis auf die Enzyklika ‚Mater et Magistra’ einen herausragenden Platz hat. Dies zeigt, wie der Begriff der sozialen Gerechtigkeit dynamisch und kontinuierlich Aufnahme gefunden hat.“

Wie und mit welchen Mitteln „soziale Gerechtigkeit“ erreicht werden kann, zeigte der Kardinal paradigmatisch anhand der biographischen Eckdaten des deutschen Bischofs Wilhelm Emmanuel von Kettelers auf. Mit ausgiebigen Quellenzitaten des herausragenden Oberhirten machte Lehmann die innere Entwicklung dieses Kirchenmanns durchsichtig, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der „sozialen Frage“ und dem Elend der Lohnarbeiter herausfordern ließ und nach und nach zur Überzeugung gelangte, dass sich der Staat als Garant dieser Gerechtigkeit soziales Engagement an den Tag legen müsse.

Das Referat führte Schritt für Schritt in den Gesinnungswandel dieses Vordenkers ein, der vom Glauben getragen und motiviert wurde. „Das Eintreten der Kirche für die soziale Gerechtigkeit und Liebe ist für Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler nicht Politik, sondern Seelsorge. In seiner wohl bekanntesten Schrift ‚Die Arbeiterfrage und das Christentum’ (1864) präzisierte Ketteler seinen Standpunkt“, resümiert Kardinal Lehmann den Standpunkt, den der Bischof anfänglich eingenommen habe. Aufgrund der Erfahrung der nachfolgenden Jahre habe er später die Notwendigkeit eines „Weges der Sozialpolitik“ gefordert. Konkret sei es dabei vor allem um einen „gewerkschaftlichen Zusammenschluss der Arbeiter und die Einschaltung der staatlichen Gesetzgebung zur Ordnung und Humanisierung der industriellen Arbeitswelt“ gegangen. „Dahinter steht eine prinzipiellere Annerkennung der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, verbunden mit der Überzeugung, dass eine auf Einzelmaßnahmen gerichtete Sozialpolitik die entstandenen Nachteile wenigstens mildern kann“, so Kardinal Lehmann.

Im Einklang mit den sozialethischen Arbeiten Otto Höffes arbeitete er im zweiten Teil seines Referats die Schwerpunkte einer umfassenden Konzeption zur Erreichung von Lebenschancen heraus: „Die soziale Gerechtigkeit scheint mir zuerst wichtig zu sein im Bereich der fundamentalen Lebensmöglichkeiten, die von der nackten Existenz bis zu einem menschenwürdigen Leben reichen“ unterstrich der Mainzer Oberhirte. „Wenn ein Mitglied einer Gemeinschaft an einem grundsätzlichen Mangel hinsichtlich dieser elementaren Lebensmöglichkeiten leidet, dann ist die Gemeinschaft verpflichtet, ihm wenigstens im Sinne eines minimalen menschenwürdigen Lebens Hilfe zu leisten. Dies ist vor allem notwendig, um die Teilhabe eines jeden Menschen an der Entwicklung des menschlichen Lebens sicherzustellen.“

Dazu gehöre auch „die Wiederherstellung der eigenen Fähigkeiten“ im Sinne einer verstärkten Eigenverantwortlichkeit. „Wenigstens in einem Minimum sollte erkennbar sein, dass dieses grundsätzliche Engagement überhaupt existiert. Sonst müsste man ja eher davon sprechen, dass jemand die Gemeinschaft rücksichtslos und schamlos ausnützt und so durchaus auch zu einem ‚Schmarotzer’ werden kann.“

Abschließend untersuchte Kardinal Lehmann auch die politische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland im Hinblick auf diese Ziele und benannte so genannte „Fehlstellungen des Sozialstaats“, dessen Sozialsystem gerade „kollabiere“. Er bezog sich auf die gescheiterte Familienpolitik und die Langzeitarbeitslosigkeit.

Konkret bemängelte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, dass „Familien-, aber auch Bildungs- und Berufsbildungspolitik“, also die zukunftsorientierten Bereiche der Gesellschaftspolitik, bei der aktuellen Debatte weitgehend ausgeblendet würden.

„Zur Wahrnehmung ihrer Freiheit und damit zu eigenverantwortlichem Handeln müssen die Menschen fähig und befähigt werden“, bekräftigte der Kardinal. „Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, dass Menschen an gesellschaftlichen Prozessen beteiligt werden. Ganz im Sinne des aus der Katholischen Soziallehre stammenden Subsidiaritätsprinzips muss es darum gehen, nicht Abhängigkeit, sondern Selbstständigkeit zu fördern.“
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