Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Ohne Glauben wäre das Leben letztlich unbefriedigend und hätte keine Verwurzelung"
Jun 24, 2006
Interview mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz

MAINZ, 7. Juni 2006 (ZENIT.org).- "Der Glaube gibt mir Zuversicht", betont Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, im ersten Interview der neuen ZENIT-Reihe "Who is who: Die Hirten des deutschsprachigen Raums".

Besondere Kraftquellen sind für ihn das Gebet, die Feier der Eucharistie – "aus ihr gründet sich die Kirche" – sowie die Begegnung mit den Mitmenschen und deren Sorgen und Nöten. Seine theologischen Wurzeln sieht Kardinal Lehmann im Zweiten Vatikanischen Konzil, der Gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer sowie in Karl Rahner.

ZENT: Wie verstehen Sie Ihr Hirtenamt?

Kardinal Lehmann: Ich halte es hier mit dem Apostel Paulus: "Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude; denn im Glauben seid ihr fest verwurzelt" (2 Kor 1, 24), verbunden mit meinem bischöflichen Leitwort aus dem ersten Korintherbrief: "Steht fest im Glauben!" (1 Kor 16,13). Auch im Konzilsdekret Christus Dominus über die Hirtenaufgabe der Bischöfe kann ich mein Selbstverständnis wiederfinden. Dort heißt es gleich im ersten Satz: "Christus der Herr, der Sohn des lebendigen Gottes, ist gekommen, sein Volk von den Sünden zu erlösen und alle Menschen zu heiligen. Wie er selbst vom Vater gesandt worden ist, so sandte er seine Apostel. Darum heiligte er sie, indem er ihnen den Heiligen Geist gab, damit auch sie auf Erden den Vater verherrlichen und die Menschen retten, 'zum Aufbau des Leibes Christi' (Eph 4,12), der die Kirche ist." In diesem Sinn möchte ich ermutigen zur Zuversicht aus dem Glauben.

ZENIT: Eine persönlichere Frage: Könnten Sie uns etwas über Ihre Entscheidung zum Priestertum und allgemein Ihren Glaubensweg erzählen? Wer oder was hat Sie begleitet?

Kardinal Lehmann: Den ersten Kontakt mit dem Glauben hatte ich durch mein Elternhaus. Hier wurde der Glaube beinahe selbstverständlich gelebt und erfahrbar. Danach kamen meine Lehrer der Schulzeit und der späteren universitären Laufbahn, denen ich viel zu verdanken habe, besonders Professor Karl Rahner, dessen Assistent ich sein durfte. Der Glaubensweg wäre nicht denkbar ohne viele Wegbegleiter, die immer wieder Mut machen und Zuversicht geben.

ZENIT: Gibt es für Sie so etwas wie eine geistige Heimat, einen theologischen Hintergrund?

Kardinal Lehmann: Ich habe die Vorbereitungen und die ersten Sitzungsperioden des Zweiten Vatikanischen Konzils als Student in Rom erlebt und im Anschluss daran die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland auch durch aktive Teilnahme und Mitgestaltung hautnah erfahren. Die Assistentenzeit bei Karl Rahner hat mich geprägt – mehr noch als jeder andere theologische Lehrer. In diesem Kontext sehe ich meine theologischen Wurzeln, die sich freilich im Lauf der Jahre selbstständig noch weiter entwickelt haben, aber ohne diese drei Eckpfeiler – Konzil, Synode und Rahner – wäre vieles nicht so entstanden, wie es in meinem Leben gekommen ist.

ZENIT: Woraus schöpft Ihr inneres Leben? Gibt es für Sie eine besondere Kraftquelle?

Kardinal Lehmann: Der Glaube gibt mir Zuversicht. Ich sehe solche Kraftquellen im Gebet, in der Feier der Eucharistie, aber auch in der Begegnung mit Menschen und den Sorgen und Nöten der Zeit. Es kommt darauf an, die Zeichen der Zeit in Unterscheidung der Geister aus dem Glauben zu deuten, und so als irdische Menschen nach dem Himmlischen zu streben, ohne den Bodenkontakt zu verlieren.

ZENIT: Die Weltbischofssynode im Oktober vergangenen Jahres stand unter dem Thema der Eucharistie als Quelle und Mittelpunkt des christlichen Lebens. Welche Bedeutung hat die Eucharistie für Sie?

Kardinal Lehmann: In dem offiziellen Titel der Bischofssynode ist schon alles gesagt: Sie ist "Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche". Sie ist das Geheimnis unseres Glaubens. In der Erlösungstat Christi wird der Heilswille Gottes für alle Menschen sichtbar. Dies wird vergegenwärtigt in der Feier der Eucharistie. Aus ihr gründet sich die Kirche.

ZENIT: Was bedeutet es, zu glauben? Wie wirkt sich das aus?

Kardinal Lehmann: Ich sprach vorhin von der Zuversicht aus dem Glauben. Ohne Glauben wäre das Leben letztlich unbefriedigend und hätte keine Verwurzelung. Selbst diejenigen, die sich von Gott distanzieren oder lossagen, haben doch eine Sehnsucht nach Antwort auf die große Frage nach dem Sinn. Dies wird am Ende das Kriterium sein: Wie hat mein Leben einen Sinn? Hier versucht der Glaube, Antworten zu geben. Weil Gott den Menschen liebt, hat er ihn ins Dasein gerufen und steht ihm bei durch alle Zeit. Wer glaubt, ist nie allein.

ZENIT: Jesus ist auferstanden. Wo sehen Sie ihn, wie kommunizieren Sie mit ihm?

Kardinal Lehmann: Auch hier schöpfe ich Zuversicht aus dem Glauben. Der Auferstandene sitzt nicht neben mir, und ich kann ihm nicht gleichsam auf die Schulter klopfen. Dennoch gilt seine Zusage "Ich bin bei euch alle Tage" (Mt 28,20). Wir erleben die Kraft dieser Gegenwart täglich, wenn wir hellhörig und sensibel bleiben für unsere Mitmenschen, für die Sorgen und Nöte der Zeit und für unser eigenes Leben. Das kann in Begegnungen mit Menschen geschehen, aber auch im Gebet und in Zeiten der Stille und Einkehr. Hier spricht Gott zu uns und ist uns nah. Die Heilige Schrift und die Eucharistie bilden, wie die Emmaus-Geschichte zeigt (vgl. Lk 24), die besten Zugänge zu Jesus Christus.

ZENIT: Was sind Ihre Herzensanliegen?

Kardinal Lehmann: Das kleine Wort "Gott ist größer als unser Herz" gibt uns in allen Lagen des Menschen ein wirklich unerschütterliches Fundament, auch wenn wir manchmal annehmen, dass wir im Boden versinken und untergehen. Deshalb sind wir auch dankbar für diese letzte Gewissheit unseres Glaubens. Selig der Mensch, der auf einen solchen Gott vertrauen darf! Wir brauchen gerade in der Zeit des Umbruchs, wenn wir uns mit manchen Strukturfragen der Pastoral befassen müssen, eine wache Erinnerung an die tiefe, oft verborgene Kraft unseres Glaubens – damit wir wissen, worum es am Ende letztlich geht. Dazu will ich meinen Teil beitragen.

ZENIT: Worin sehen Sie die großen Herausforderungen unserer Zeit?

Ich habe als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz bei der Herbstvollversammlung 2005 ein Grundsatzreferat zu diesem Thema gehalten, das auch in meinem neuen Buch dokumentiert ist. Der Titel des Referates lautete "Neue Zeichen der Zeit. Unterscheidungskriterien zur Diagnose der Situation der Kirche in der Gesellschaft und zum kirchlichen Handeln heute". Die konziliare Hervorhebung der "Zeichen der Zeit" verlangt eine fortführende Interpretation, die sich auf das Verfahren der Diagnose (Kairologie), aber auch auf die Inhalte bezieht. Zwischen Wandel und Beständigkeit brauchen wir Grundhaltungen, die Ausgangslage für eine Reaktion sind, ohne einer stets wieder versiegenden Aktualität hinterherzulaufen.

Konkret denke ich an die sozialen Probleme in unserem Land, die demografische Entwicklung bis hin zu den Fragen der Globalisierung und der Gerechtigkeit weltweit – und nicht zuletzt die Situation von Bildung und auch Glaube in dieser Zeit. Dies sind aber keine Fragen, die pessimistisch werden lassen. Auch hier dürfen wir mit Gottes Hilfe zuversichtlich sein, wenn wir die Probleme angehen.

ZENIT: Was sagen Sie zu Papst Benedikt XVI., welche Hoffnungen verbinden Sie mit ihm?

Kardinal Lehmann: Ich kenne Joseph Ratzinger schon seit mehr als vier Jahrzehnten und bin ihm in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder begegnet. Der Heilige Vater hat einen Dienst für die ganze Kirche. Es ist daher falsch, ihn national oder gar persönlich eingrenzen zu wollen als "deutschen Papst". Der Papst gehört der Weltkirche. Er hat im ersten Jahr seines Pontifikates – für manche überraschend – in großer Kontinuität zu seinem Vorgänger eigene Akzente gesetzt. Manche hatten auch ein verzerrtes Ratzinger-Bild. Man muss ihm Zeit lassen, dann ist dieser Papst für Überraschungen gut. Das habe ich gleich nach der Wahl vor Vertretern der Presse gesagt, das kann ich auch aus heutiger Sicht nur nochmals wiederholen und kräftig hervorheben.
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