Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
Send a text about this cardinal »
View all articles about this cardinal »
German Interview mit Kardinal Lehmann
Oct 17, 2004
Nachlese zum Ulmer Katholikentag, Mainz, 16. Juli 2004

1. Herr Kardinal Lehmann, wie beurteilen Sie den Ulmer Katholikentag im Ganzen, vor allem nach dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin?

Ich bin dankbar dafür, dass in diesem Jahr wieder ein Katholikentag stattgefunden hat. Wir wollen an dieser Veranstaltungstradition festhalten. Sie steht nicht im Widerspruch zu einem ökumenischen Kirchentag. Das gute ökumenische Klima in der Stadt hat dazu beigetragen, dass man in Ulm einen starken ökumenischen Grundzug gespürt hat: Es gab mehr Bibelarbeiten als früher. Viele evangelische Christen, darunter nicht wenige Bischöfe und kirchenleitende Persönlichkeiten, wirkten mit. Dank der Besonnenheit und Klugheit der Ulmer Pfarreien in beiden Konfessionen gab es keine unguten ökumenischen Experimente. Es war insgesamt ein guter, gelungener Katholikentag.

2. Sie haben an vielen Veranstaltungen teilgenommen. Was haben Sie für Erfahrungen gemacht? Was hat Ihnen gut, was weniger gut gefallen?

Ich habe ungefähr an 15 Veranstaltungen aktiv mitgewirkt. Hinzu kommen zahlreiche kleine Besuche an den Messeständen von Bistümern und Gruppen, aber auch viele Gespräche mit Einzelnen und Presseinterviews. Insgesamt war ich von der starken Akzeptanz der Gottesdienste und spirituellen Veranstaltungen sehr angetan. So zum Beispiel von dem großen „Gottesdienst der Nationen“, d.h. der fremdsprachlichen katholischen Gemeinden, oder vom Mittagsgebet „Spurensuche“, wo zwischen 2500 und 5500 Teilnehmende anwesend waren, darunter viele junge Menschen. Davon wurde in den Medien weniger berichtet. Auch Diskussionen zu umstrittenen und schwierigen Themen, wie z.B. „Frauen in geistlicher Leitung“, waren sachlich und fair.

3. Wo sehen Sie die Notwendigkeit von Verbesserungen und Veränderungen?

Es ist natürlich schwer, bei über 800 Veranstaltungen – es waren bewusst weniger Angebote als sonst – einigermaßen einen Überblick zu behalten. Seit vielen Jahren wird darüber diskutiert, ob das vielgestaltige und weite Programm nicht zu Beliebigkeit und Unverbindlichkeit tendiert und ob nicht die Konzentration auf ein wirklich zentrierendes Thema besser wäre. Hier habe ich die Katholikentage 1952 in Berlin unter dem Motto „Gott lebt“ und 1970 in Trier unter dem Leitwort „Gemeinde des Herrn“ in guter Erinnerung. Ich würde auch nicht immer wieder Bischof Jacques Gaillot und Eugen Drewermann zu Katholikentagen einladen. Es gab auch einzelne Informationsstände, die viele ärgerlich fanden. Unglücklich war ich persönlich besonders über die Hauptveranstaltung am Samstag (19.6.). Hier bestand das Programm aus zahlreichen kleinen Einheiten, die zu stark auf Unterhaltung ausgerichtet waren, sodass die Botschaft des Katholikentages einfach zu kurz kam. Hier hat man den Bedürfnissen einer Fernsehübertragung wohl zu viel Raum gegeben. Die inhaltliche Botschaft des Katholikentages blieb hier eher blass. Man kann und muss den Menschen mehr zumuten.

4. Es gibt sehr unterschiedliche Bewertungen des Ulmer Katholikentages, auch unter den Bischöfen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Bei einer so großen Veranstaltung bekommt man auch bei reger Beteiligung nur einen sehr fragmentarischen und ausschnitthaften Eindruck. Dieser wird zum Teil durch die Medienberichte nochmals eingeengt und manchmal auch einseitig. Deshalb ist es verständlich, dass es recht unterschiedliche Eindrücke gibt. Natürlich muss man einen Katholikentag kritisch auswerten. Dabei sollte man jedoch darauf achten, dass nicht grundsätzlich skeptische Einstellungen zu solchen Großveranstaltungen oder zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken überhaupt die Urteilsbildung einseitig beeinflussen. Man findet selbstverständlich immer kritikwürdige Punkte, aber sie sind nicht das Ganze.

5. Warum haben Sie sich auf das Gespräch mit Hans Küng eingelassen? Einige haben dies kritisiert. War Ihnen das Risiko genügend bewusst?

Zunächst finde ich das Thema „40 Jahre nach der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils“ wichtig und interessant. Neben Professor Küng war auch Kardinal Ratzinger eingeladen, der allerdings aus Termingründen nicht zusagen konnte. Hans Küng hat im Jahr 1979 vor allem wegen seiner Thesen zur Unfehlbarkeit des Papstes die Lehrerlaubnis verloren. Er blieb jedoch Priester und hat trotz mancher scharfer Attacken, die auch ich nicht selten gerügt habe, immer auf seine Verwurzelung in der katholischen Kirche Wert gelegt. Er hat später durch seine Beschäftigung mit dem interreligiösen Gespräch („Weltethos“) andere Themen zum Mittelpunkt seines Schaffens gewählt. Hier und auch in anderen Themenbereichen gibt es keine Konflikte mit dem kirchlichen Lehramt. Man soll deshalb trotz der genannten Differenzen nicht den Eindruck erwecken, Professor Küng könne kein Gesprächspartner sein. Die Gemeinsamkeit, die in vielen Fragen besteht, ist gerade heute wichtig. Es kam mir auch darauf an, durch das Gespräch in aller Öffentlichkeit darzulegen, dass wir einem solchen Disput nicht ausweichen, sondern das Gemeinsame sichtbar machen können und über Differenzen auch zu streiten im Stande sind. Allerdings war mir bewusst, dass man schon die bloße Tatsache eines Zusammentreffens mit Hans Küng schlecht reden kann, sodass es auf die Inhalte gar nicht mehr ankommt.

6. Kardinal Meisner hat Sie im Blick auf dieses Gespräch öffentlich kritisiert. Sie haben bis jetzt dazu geschwiegen. Was können Sie uns dazu sagen?

Es wäre mir sehr recht gewesen, wenn ich in Ulm bei schwierigen Auftritten und Diskussionen noch mehr Mitstreiter aus der Reihe derer gehabt hätte, die jetzt Kritik üben. Hier wiederholt sich im Wesentlichen, was im letzten Jahr nach dem Ökumenischen Kirchentag geschah. Was die Kritik meines Gesprächs mit Hans Küng anbelangt, gilt festzuhalten und zu korrigieren, dass Hans Küng auch im Schlussteil der Diskussion keineswegs Papst Johannes Paul II. beschimpft hat. Im Gegenteil, er hat im Wirken des Papstes manches positiv hervorgehoben und auch dessen unermüdlichen Einsatz in seinem hohen Alter gewürdigt. Freilich hat er – wie er dies häufig tut – die Kurie kritisiert. Was blieb? Küng hat mich gebeten, ich möchte mit anderen Kardinälen dafür eintreten, dass beim nächsten Konklave ein Papst Johannes XXIV. gewählt werde. Was ist an diesem Wunsch denn schlimm, nachdem der jetzige Papst, wie sein Vorgänger, ganz bewusst neben der Erinnerung an Paul VI. auch das Wirken von Johannes XXIII. in seinen eigenen Namen aufgenommen hat? Ich hatte keinen Grund, Hans Küng deswegen zurechtzuweisen. – Im Übrigen weiß jeder Kundige, dass ich als Theologe (seit 1970), Bischof und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, immer wieder auch Kritik an Küng geübt habe, wenn und wo es mir notwendig erschien. Aber es war und wäre nicht in meinem Sinn von Theologie und auch nicht von Kirche, ihn wie einen Aussätzigen zu behandeln.

7. Es kann der Eindruck entstehen, dass der innerkirchliche Umgangston rauer und persönlicher wird ...

Manchmal kann man das so empfinden. Für mich sind es immer noch einzelne Ausnahmen. Die vielen tausend Zuhörer des Gesprächs in Ulm haben zum Beispiel mit ihren verschiedenen und sensiblen Reaktionen durchaus differenziert geurteilt. Ich setze immer wieder auf dieses notwendige Unterscheiden und bin damit auf die Dauer gut gefahren.

8. Was ergibt sich aus Ulm für den nächsten Katholikentag 2006 in Saarbrücken? Sehen Sie die Notwendigkeit, über eine Neuausrichtung der Katholikentage zu sprechen?

Es hat sich in Ulm wieder gezeigt, dass Katholikentage verschiedene Formen haben können. Es gibt sie in Großstädten mit den vielen Möglichkeiten z.B. eines Messegeländes. In kleineren oder mittleren Städten besteht die große Chance, dass solche Tage das öffentliche Leben prägen, und dass die Stadt selbst einen Katholikentag eindrucksvoll mitbestimmt. Dies hat sich in Ulm wieder wie vorher bei vielen anderen Gelegenheiten, z.B. beim Jubiläumskatholikentag in Mainz 1998, bestätigt. Dafür wird auch Saarbrücken wiederum eine gute Gelegenheit bieten. Natürlich wird immer wieder über die Ausrichtung der Katholikentage diskutiert. Ich habe dies selbst seit über 35 Jahren (Essen 1968) immer wieder getan. Katholikentage sind notwendigerweise Baustellen – und doch haben sie eine substanzielle eigene Tradition.

9. Haben Sie für diese Zeit einen Wunsch?

Vor allem sollten wir jetzt auf das große Ereignis des kommenden Jahres schauen: den Weltjugendtag, zu dem der Heilige Vater nach Deutschland einlädt. Dieses Treffen verlangt von allen sehr viel Gemeinsamkeit.
28 READERS ONLINE
INDEX
RSS Feed
back to the first page
printer-friendly
CARDINALS
in alphabetical order
by country
Roman Curia
under 80
over 80
deceased
ARTICLES
last postings
most read articles
all articles
CONTACT
send us relevant texts
SEARCH