Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Uns fehlt ein tieferer, wirksamerer missionarischer Geist"
May 17, 2006
Karl Kardinal Lehmann sorgt sich um eine wachsende Gleichgültigkeit auch unter Kirchenmitgliedern - Mahnung an die Politik.

(Die Welt, 16. Mai 2006) DIE WELT: Herr Kardinal, 70 Jahre sind, auf die Kirche bezogen, eine kurze Zeit. Hat sich dennoch etwas verändert?

Karl Kardinal Lehmann: Die Kirche ist längst nicht mehr so einförmig wie in meiner Jugend. Sie zeichnet sich durch innere Vielfalt aus. Für mich war das Zweite Vatikanische Konzil das entscheidende Ereignis. Das, was Kirche zu Kirche macht - ein großer Halt für die Menschen -, das hat sie bei all den Wandlungen bewahrt.

WELT: Ein eifrig kolportierter Vorwurf lautet, die Liturgiereform sei schuld daran, daß sich die Kirchen leerten. Teilen Sie diesen Vorwurf?

Lehmann: Im Kern teile ich ihn nicht. Im Gegenteil. Ich habe die Erfahrung machen können, daß die Liturgiereform weltweit erstaunlich gut angenommen worden ist. Sie wurde zwar mit einer gewissen Eile, aber ohne falschen Druck nach vorne gebracht.

WELT: Und Sie haben nichts zu kritisieren?

Lehmann: Natürlich gab es Heißsporne, unerleuchtete Reformer, die über die Grenzen der Reform hinausgegangen sind. Aber es gab auch Menschen, die nicht genügend in Rechnung stellten, daß die alte Liturgie ja auch nicht eine ewige Ordnung war, sondern gewachsen ist.

WELT: Kritik an der Reform hatte sich aber auch der gegenwärtige Papst zu eigen gemacht.

Lehmann: Zweifellos hat er sich ein paar wunde Stellen vorgenommen, und er sah den Verlust grundlegender Ideen. Ich denke zum Beispiel an den Opfergedanken im Verständnis der Eucharistie. Das hatte freilich immer schon gewaltige ökumenische Probleme hervorgerufen. Es gab dann auch Punkte, die die Liturgie nicht direkt, aber im Kontext betrafen: Liturgie und Musik, moderne Musik, auch Liturgie und Architektur. Da sind Dinge passiert, die so nicht hätten geschehen dürfen. Da wurden Altäre leichtfertig aus den Kirchen herausgeworfen und zum Glück auf den Dachböden aufbewahrt, so daß sie wieder restituierbar sind. Aber manche sind unwiederbringlich verloren gegangen. Doch das sind Ausnahmen. Es gab keinen Kahlschlag.

WELT: Was macht Ihnen zur Zeit am meisten Sorge in Kirche und Gesellschaft?

Lehmann: Daß es eine wachsende Gleichgültigkeit auch unter Menschen gibt, die der Kirche angehören. Man kann da und dort eine gewisse Häme, manchmal auch Aggressivität feststellen. Bei der Diskussion zum Beispiel über die Sendung Popetown bin ich erschrocken, mit was für einer knallharten Haltung Leute einem begegnen. Was uns am meisten fehlt, ist ein tieferer, wirksamerer missionarischer Geist. Wir finden uns viel zu sehr damit ab, daß zum Beispiel in Teilen der neuen Bundesländer 80 bis 90 Prozent kaum etwas gehört haben von Jesus Christus. Daß uns das nicht mehr aufregt, das ist unsere Schwäche.

WELT: Gibt es die "Wiederkehr des Religiösen"?

Lehmann: Wir haben es mit einem ziemlich diffusen Phänomen zu tun. Auf der einen Seite ist diese "Wiederkehr" ein Zeichen dafür, daß das Religiöse im Menschen zwar verdrängt werden kann, aber bei großen Erschütterungen - Tsunami, Terrorismus usw. - wieder nach oben drängt. Aber was bei dieser "Wiederkehr" manchmal herauskommt an dumpfer Irrationalität, das kann von der Kirche nicht gebilligt werden, es muß eher bekämpft werden: Okkultismus, Astrologie, mannigfache Formen des Aberglaubens, Satanismus. Zum christlichen Glauben gehört, daß er mitteilbar ist, verständlich, übersetzt werden kann in andere Sprach- und Kulturräume. Und eine echte Religiosität muß die Freiheit des Menschen fördern.

WELT: Wogegen die Kirche oft verstoßen hat.

Lehmann: Zugegeben. Aber es gibt heute besonders auch die innere, ja auch moralische Freiheit, die gestärkt werden muß, die Selbständigkeit der Person - daß sie sich nicht mitreißen läßt, weder von der Politik, noch von der Werbung. Das ist wichtig in der Auseinandersetzung mit dieser aufkommenden Religiosität. Sie hat im Übrigen oft ein Kollektivethos, das genau weiß, was andere tun müssen, aber eher zurückscheut vor dem individuellen Ethos.

WELT: Ist nicht die aktuelle Wertedebatte diffus? Muß die Kirche ihre eigene Position klarer machen?

Lehmann: Der Wertebegriff ist zu unbestimmt. Es kommt auf die Sache an. Die Kirchen haben ihren eigenen Auftrag, sie sind nicht an erster Stelle Lieferanten gesellschaftlich notwendiger Grundwerte. Überall, wo der Glaube an Gott und die Liebe zum Nächsten verkündigt wird, sittliche Weisung für den Alltag geschieht und die Zehn Gebote gelebt werden, werden auch "Grundwerte" gefördert. Je überzeugender das konkrete christliche Ethos bezeugt wird, um so mehr dient die Kirche dem Erhalt lebenswichtiger Grundwerte. Aber sie erschöpft sich nicht in einer Art Zivil-Religion. Die Kirchen dürfen sich im Übrigen nicht in die Rolle des einzigen Garanten der Moralität in der säkularisierten Gesellschaft drängen lassen.

WELT: Ein Zitat von Ihnen aus früheren Jahren: "Die Kirche kann kein Gesprächspartner mit eilfertiger Zunge sein." Gilt dies auch gegenüber der Politik?

Lehmann: Zweifellos müssen wir auf Gediegenheit politischer Entscheidungen drängen. Es kommt auch darauf an, daß man eine Reform- und Korrekturbereitschaft zeigt, wenn man Fehler gemacht hat. Die Kirche hat nicht für einzelne Probleme Lösungen in der Tasche, sie darf auch nicht so tun, als ob sie es besser wüßte. Aber sie kann versuchen, die notwendigen Grundhaltungen auszubilden und die Menschen stutzig zu machen gegenüber Mogelpackungen.

WELT: Zum Beispiel?

Lehmann: Hartz IV. Da kann man sich doch fragen: Besaß man bei der Planung nicht genügend prognostische Möglichkeiten, um zu sagen, da könnte es schwierig werden? Es geht viel zu langsam mit der Korrektur. Ich sehe heute an Äußerungen mehrerer Politiker, daß man sich deutlicher als früher auch dazu bekennt zu sagen: Politik kann manches nicht von sich aus schaffen, da braucht sie Bündnisse verschiedener Art.

WELT: Herr Kardinal, werden Sie mit dem Papst weiter über alte "heiße Eisen", etwa die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion, sprechen?

Lehmann: Dieses Thema geht weiter. Leute, die 1993 gegen uns gewesen sind, sagen heute selber: Da muß noch einmal nachgedacht werden! Das konnte ich selbst während des Konklaves hören. Und ich könnte mir gut vorstellen, daß auch Papst Benedikt neu an die Dinge herangeht. In der Kirche müssen alle Menschen, die aus gestörten oder zerstörten Ehe- oder Familienverhältnissen kommen, zunächst einmal eine positive menschliche Aufnahme finden. Mir ging es eigentlich immer zu schnell auf die Kommunion zu. Wir müssen zunächst alles tun, um das Prinzip unwiderruflicher lebenslanger ehelicher Treue zu stärken.

WELT: Schmerzt es Sie, wenn von traditionalistischer Seite das Wort "Lehmann-Kirche" fällt?

Lehmann: Ich finde das so dümmlich, daß ich mich darüber nicht aufrege. Ich bin froh darüber, daß ich eine unverdorbene römische Theologie studiert habe. Da ich das Wort "Lehmann-Kirche" in der Sache so absurd finde, werde ich damit gut fertig. Die Gemeinsamkeit in der Bischofskonferenz ist größer als man so denkt.

WELT: Sie ärgern sich also nicht?

Lehmann: Ich bin eher perplex und ärgere mich an einem anderen Punkt. Auf der einen Seite sagen die Leute, wenn wir Bischöfe eine gemeinsame Haltung haben: Da sieht man wieder, alles stromlinienförmig! In dem Augenblick, wo eine vernünftige, zur Klärung notwendige Diskussion stattfindet, die auch mal einen polemischen Anstrich haben kann, heißt es: Schaut, die streiten miteinander! Hier eine gewisse Ausgewogenheit zu finden, die auch dem realen Leben in der Bischofskonferenz entspricht, das würde ich mir für den Rest meiner Tage wünschen.

Mit Kardinal Karl Lehmann sprach Gernot Facius
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