Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Kardinal Lehmann über den Kardinalsgipfel im Vatikan
Mar 30, 2006
Vor dem Konsistorium am 24./25. März, bei dem Benedikt XVI. 15 Bischöfen die Kardinalswürde verlieh, hatte der Papst das gesamte Kardinalskollegium zu einem "Tag der Reflexion und des Gebetes" eingeladen.

(KNA, 27.3.2006) Über diese Konferenz äußerte sich Kardinal Karl Lehmann am Sonntag in Rom in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

KNA: Vor dem Konsistorium hat der Papst die Kardinäle zu einer Arbeitskonferenz nach Rom eingeladen, um ihre Meinung zu aktuellen Fragen zu hören. Ist das ein neues Instrument der kollegialen Kirchenleitung?

Kardinal Lehmann: Es ist ein wichtiges Zeichen, dass der Papst schon bei seinem ersten Konsistorium eine solche Konferenz vorgeschaltet hat. In den vergangenen Jahren fanden solche nicht-öffentlichen Konsistorien nur sehr selten und unregelmäßig statt, zuletzt 1994, als es um ein Schuldbekenntnis des Papstes zum Heiligen Jahr ging. Insofern sehe ich einen guten Anfang. Der Papst hat in seinen Ansprachen deutlich gemacht, dass ihm an einem solchen Austausch viel gelegen ist. Ob man dafür bereits die richtige Form gefunden hat, ist eine andere Frage. Zudem war die Beratungszeit von knapp sechs Stunden einschließlich der einführenden Kurzreferate recht kurz, zumal das Kollegium inzwischen 193 Mitglieder zählt. Aber ich bin fest überzeugt, dass der Papst das fortsetzen wird.

KNA: In einem Themenblock ging es um die schismatischen Traditionalisten. Zeichnet sich hier eine Einigung ab?

Kardinal Lehmann: In dem Gespräch ergaben sich zwei unterschiedliche Dimensionen. Es gab den fast beschwörenden Aufruf, man solle alles tun, um ihnen eine Rückkehr zu ermöglichen. Daneben standen Einwände, hier gehe es nicht nur um Liturgie, sondern auch um die dahinter stehende Theologie, um die Liturgiereform insgesamt und schließlich um die Bewertung des Zweiten Vatikanischen Konzils überhaupt. Ich habe den Eindruck, dass diese warnenden Stimmen, die vor allem von den residierenden Bischöfen betroffener Länder kamen, mehr und mehr wichtig genommen werden. Es gibt offenbar eine eigene neue Kommission, die diese Fragen überprüft. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Zunächst wird es auch darauf ankommen, wie die vier Bischöfe auf Seiten der Lefebvre-Anhänger reagieren, die ja exkommuniziert sind. Es geht um die Frage, ob und wie eine Aufhebung ihrer Exkommunikation möglich ist. Manche möchten offenbar als die großen Versöhner in die Geschichte eingehen, aber Benedikt XVI. hat ja reichlich Erfahrung und wird auch hier auf Wahrheit pochen.

KNA: Geht eine solche Annäherung nicht auf Kosten der Liturgiereform des Konzils?

Kardinal Lehmann: Ich habe keine Sorge, dass die Liturgiereform aufgeweicht werden könnte. Es gab jetzt - wie bereits bei der Weltbischofssynode im Oktober 2005 - viele Stimmen von Bischöfen aus aller Welt, die das Gelingen der Liturgiereform unterstrichen haben. Die Hinweise auf Missbräuche sollten nicht übersehen lassen, dass vieles zu einer lebendigeren Gestaltung des Gottesdienstes beigetragen hat. Es ist im Ganzen ein erstaunliches Werk, besonders von Papst Paul VI.

KNA: Ein weiteres Thema der Kardinäle war der Islam. Nach jüngsten Strukturveränderungen im Vatikan haben manche den Eindruck, dieser Kontakt habe nunmehr weniger Bedeutung.

Kardinal Lehmann: Es konnte gewiss etwas missverständlich wirken, dass die für den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen zuständige Behörde gerade jetzt mit dem Rat für die Kultur zusammengelegt wurde. Aber ich bin überzeugt, dass das keine Abwertung der Bedeutung des Dialogs bedeutet. Einen Grund für diese Maßnahme sehe ich auch darin, dass man den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen nicht nur einem relativ kleinen Rat (Consilium) anvertrauen möchte, sondern dass man hier eine Zuständigkeit und Verantwortung eigentlich aller Kongregationen und Räte sieht, eine Art "durchlaufender Perspektive". Seit dem Konzil ist der Kontakt zum Islam zu einem Grundauftrag der Kirche geworden. Die französische Ausgabe der lehramtlichen Texte zum interreligiösen Dialog umfasst 1.000 Seiten - es gibt auch eine allerdings frühere italienische und eine englische Ausgabe. Wir haben gerade in Deutschland die fundamentale Bedeutung des Dialogs mit den nichtchristlichen Religionen noch nicht genügend erkannt und aufgenommen, wie sie vor allem Papst Johannes Paul II. forciert hat. Ich verkenne freilich nicht die Schwierigkeiten, angesichts der Autonomie der einzelnen Gemeinden im Islam die richtigen Partner für den Dialog zu finden.

KNA: Wie hat sich die Konferenz zu diesem Dialog geäußert?

Kardinal Lehmann: Angesichts der sehr differenzierten Problematik waren die Beratungen dazu relativ kurz. Bildeten bis zum Jahr 1990 Kommunismus und Marxismus die großen Probleme, so halten uns seither der Neuaufbruch und die Wandlungen im Islam in Atem. Auf eine etwas allgemeine Einführung folgten rasch differenzierte Wortmeldungen gerade von Bischöfen aus mehrheitlich islamischen Ländern. Sie machten deutlich, dass der Islam auch viele spirituell eindrucksvolle Aspekte biete. Man müsse auch das alltägliche Leben von Millionen frommer Muslime in den Blick nehmen und nicht nur die fundamentalistischen Strömungen. Aber die Gewalttätigkeit kleiner Gruppen, die mächtig sind, bereitet Sorge und macht Angst.

KNA: Aber was veranlasst den Vatikan, die für den Dialog mit dem Islam zuständige Behörde mit dem Kulturrat zusammenzulegen?

Kardinal Lehmann: Ich finde es gar nicht schlecht, dass man den Hauptgesprächspartner für die nichtchristlichen Religionen im Kontext der Kultur sucht - nicht in der Politik, auch nicht nur im Kontakt mit den religiösen Führern. Zur Kultur gehören ja auch zum Beispiel die Literatur und die Wissenschaft. Schließlich dürften aber sicher auch finanzielle Gründe und Sparzwänge eine Rolle gespielt haben, wie etwa die gleichzeitige Zusammenlegung des Migranten-Rates mit dem Rat für Gerechtigkeit und Frieden vermuten lässt. Im übrigen bin ich nicht sicher, ob dies bereits das Ende der strukturellen Veränderungen ist. Der Papst benutzte ja bei der Ankündigung auffällig den Begriff "vorläufig".

KNA: Steht dahinter aber nicht auch Skepsis gegenüber den Chancen eines Dialogs mit dem Islam?

Kardinal Lehmann: Vielleicht erschien es in der Vergangenheit manchmal so, als ob der Kardinal Joseph Ratzinger im Blick auf den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen oder auch auf das Treffen von Assisi einen Hauch skeptischer war als Papst Johannes Paul II. Wenn man sich aber seine früheren Aufsätze und erst recht seine Ansprachen nach der Papstwahl ansieht, dann merkt man, dass dieser Dialog auch für Benedikt XVI. ein ganz wichtiges Element für die Zukunft von Kirche und Welt ist. Es geht ihm offenkundig darum, keine Missverständnisse entstehen zu lassen und jede Blauäugigkeit zu vermeiden. Aber ich glaube nicht, dass man daraus einen grundsätzlichen Vorbehalt ablesen darf. Der Papst pflegt diesen Dialog. Benedikt XVI. hat schon viele Gesprächspartner und Vertreter des Islam empfangen. Auch bei dem Treffen mit Muslim-Vertretern in Köln war er sehr interessiert und offen. Aber er weiß auch, dass wir erst entschiedene und überzeugte Christen sein müssen, um dialogfähig zu sein.

KNA: Wie wird die Kurienreform weitergehen. Man spricht von weiteren Reduzierungen und Zusammenlegungen insbesondere im Bereich der kurialen Räte?

Kardinal Lehmann: Ich persönlich habe keine Ahnung, und ich habe auch in diesen Tagen in Rom von niemandem etwas Ernsthaftes darüber gehört. Aber ich bin sicher, dass der Papst, der 24 Jahre lang wie kaum sonst jemand das Leben und Wirken der Kurie beobachten konnte, dazu seine Vorstellungen hat. Vor allem die meisten "Räte" sind mit dem Konzil entstanden. Man sah in ihnen geeignete Instrumente, um in diesen Bereichen besondere Akzente zu setzen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit für eine Diskussion, ob nicht Teile dieser Aufgaben wieder stärker von den klassischen Kongregationen mit übernommen werden könnten. Eine solche Erweiterung ihrer Funktionen könnte auch diese heilsam verändern.

KNA: Ein weiteres Thema war die Pensionsgrenze von Bischöfen. Müssen jetzt alle für drei Jahre länger im Amt bleiben?

Kardinal Lehmann: Einen Beschluss oder auch nur ein Meinungsbild war hier nicht beabsichtigt. In der Diskussion kamen unterschiedliche Perspektiven zur Sprache. Es ist etwas anderes, ob sich jemand nach Jahrzehnten als Leiter einer großen Diözese mit 75 Jahren zurückziehen kann - und darüber eigentlich froh ist, wie es der früherer Mailänder Kardinal Carlo Martini eindrucksvoll deutlich machte. Oder ob jemand relativ spät Bischof wurde und ein kleines Bistum leitet. Insgesamt hat sich aber gezeigt, dass es gute Gründe gibt, mit 75 eine Grenze zu setzen. Welche Folgerungen der Papst daraus ziehen wird, war nicht erkennbar. Für ihn ist die Klärung dieser Frage nicht leicht, denn in wenigen Wochen tritt er selbst in das 80. Lebensjahr ein - auch wenn der Papst über allen diesen Normen steht und sehr vital wirkt.

KNA: Es ging bei Kardinalstreffen um Beratungen. Gibt es Anhaltspunkte, welche Schlüsse der Papst daraus ziehen könnte?

Kardinal Lehmann: Während der Beratungen haben etwa 40 Kardinäle gesprochen, die Redezeit war auf zwei bis drei Minuten begrenzt. Fast zwei Dutzend Wortmeldungen konnten nicht mehr berücksichtigt werden. Aber der Papst hat die Betreffenden gebeten, ihre Anliegen schriftlich einzureichen. Sie dürften sicher sein, sagte er ihnen, dass sie beachtet werden. Es ging in den restlichen Wortmeldungen vor allem um die Evangelisierung als Grundaufgabe der Kirche von heute. Im übrigen war es eindrucksvoll, wie der Papst am Schluss in freier Rede knapp, klar und geschliffen auf einzelne konkrete Fragen einging - eine verheißungsvolle Erfahrung für künftige Begegnungen dieser oder ähnlicher Art.
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