Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
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German „Wir brauchen einander“
Mar 24, 2006
Die Kirchen haben ihr Verhältnis zu Israel neu bestimmt. Jetzt ist es Zeit für mehr Zusammenarbeit und einen vertieften theologischen Dialog.

(Rheinischer Merkur, 23.03.2006) Das Christentum ist undenkbar ohne die Herkunft aus dem Volk Israel. Zugleich kann man die judenkritischen Aussagen des Neuen Testaments weder tilgen noch ignorieren. Wir müssen sie heute sorgfältig interpretieren. In diesem Sinne hat gewiss der Holocaust in Verbindung mit Antijudaismus und Antisemitismus uns neu die Augen geöffnet. Er hat so eine wichtige hermeneutische Funktion im Vorgang der Interpretation dieser Texte.

Die Juden sind unsere älteren Brüder. Wir können nicht vergessen, was ihnen auch von Christen angetan worden ist. Dies ist der Grund, warum dieser Dialog im Gespräch der Religionen, von der innerkirchlichen Ökumene abgesehen, immer noch Vorrang genießt. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hat auch an dieser Stelle eine wichtige Hilfe geschaffen. In den Großen Fürbitten des Karfreitags heißt es nun: „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu denen sein Ratschluss sie führen will... Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt.“

Zudem ist dem Zweiten Vatikanischen Konzil trotz vieler Geburtswehen in der Erklärung „Nostra aetate“ ein Epoche machender Text zum Verhältnis zwischen Judentum und Kirche gelungen. Viele Vorhaben wurden daraufhin erfüllt, nicht zuletzt auch im großen Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 2000. Dies gilt auch für das deutsche Sprachgebiet. Der Dialog bedarf der Fortsetzung.

Zu den Erklärungen in der Folgezeit von „Nostra aetate“ gehören drei Dokumente aus dem deutschen Sprachraum: der Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland „Unsere Hoffnung“ vom 22.November 1975; das Arbeitspapier des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ vom 8. Mai 1979 sowie die Erklärung der deutschen Bischöfe „Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum“ vom 28.April 1980.

In diesen Texten, zu denen vor allem auch eine Erklärung der französischen Bischöfe von 1973 gehört, werden die erwähnten Perspektiven verstärkt. Die Kirche grenzt ihre Existenz nicht mehr länger polemisch gegen Israel ab oder erhebt sich über sie. Sie erkennt die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung bei den Patriarchen an, bei Mose und bei den Propheten.

Es kann künftig keine religiöse oder theologische Selbstprofilierung der Kirche auf Kosten des Volkes Israel geben, sondern eigentlich nur noch die Anerkennung einer grundlegenden und bleibenden „spirituellen Verbundenheit“. Trotz der Ablehnung Jesu als des Messias sind die Juden immer noch von Gott geliebt. Aus der Tatsache, dass die Kirche sich als das „neue Volk Gottes“ versteht, darf man nicht ableiten, die Juden seien von Gott verworfen oder verflucht. Die vulgärtheologischen Irrtümer werden richtig gestellt. Die Kirche beklagt alle Hassausbrüche und Manifestationen des Antisemitismus.

Die gegenseitige Kenntnis und Achtung muss durch theologische Studien und ein geschwisterliches Gespräch vertieft werden. Juden und Christen ist die Ausrichtung auf die Zukunft gemeinsam. Die Kirche erwartet mit den Propheten den Tag des Herrn, der nur Gott bekannt ist und an dem alle Völker mit einer Stimme Gott anrufen und preisen. Immer stärker wird auch der Schuldanteil der katholischen Kirche selbst zur Sprache gebracht. Dabei geht es nicht nur um ein Bedauern, sondern um eine wirkliche Verurteilung von Fehlentwicklungen.

Gerade die deutschen Bischöfe haben in den letzten Jahren diese oft als fehlend beklagten Akzente ergänzt, vor allem durch das Wort zum Verhältnis von Christen und Juden aus Anlass des 50. Jahrestages der Novemberpogrome 1938 vom 20.Oktober 1988 (gemeinsam herausgegeben von der Berliner Bischofskonferenz, der Deutschen Bischofskonferenz und der Österreichischen Bischofskonferenz). Die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren im Jahre 1995 bot mehrfach Gelegenheit, an die Vorurteile und Feindbilder zu erinnern, die zu der Katastrophe führten.

Im Januar 1995 wurde eine Erklärung zum 50.Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau veröffentlicht, der gleichzeitig eine Erklärung der polnischen Bischofskonferenz vom selben Datum entsprach. Hier wurde an der Mitschuld der Christen und der Kirche kein Zweifel gelassen. In einen breiteren Zusammenhang wurde das Verhältnis der Christen zu den Juden im Wort der deutschen Bischöfe zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren am 24.April 1995 gestellt. Einige Kernpunkte wurden in einer gemeinsamen Ökumenischen Erklärung mit der EKD zum 8.Mai 1995 bekräftigt. Bewusst wurde von einem „ersten Durchbruch“ gesprochen. So darf man von der Überzeugung ausgehen, dass damit eine neue Epoche erreicht ist. Gewiss muss die Frage noch gründlicher geprüft werden, wie weit die Kirchen eine Mitschuld an der Schoah tragen. Unterdrückung und Verfolgung ergeben sich nicht zwangsläufig aus der Auslegung der Heiligen Schrift selbst. Die faktische Wirkungsgeschichte hat jedoch die Disposition zum Judenhass verstärkt.

Es bleiben theologische Grundsatzfragen, wie eine differenziertere Verhältnisbestimmung von Altem und Neuem Testament. Die traditionellen Bestimmungen sind kaum ausreichend zur Beschreibung des gewandelten Verhältnisses zwischen Judentum und Kirche. Hier verdanken wir Erich Zenger wichtige Hinweise.

Eine genauere theologische Klärung des Verhältnisses von Israel und Kirche gibt Fragen auf. Wie spricht man von beiden? Es sind gewiss nicht einfach zwei Institutionen. Sie können auch nicht nach dem Muster eines permanenten Gegenübers begriffen werden. Welches ist die Aufgabe des jüdischen Volks im Plan Gottes? Man kann nicht einfach von zwei parallelen Heilswegen sprechen. Dies alles stellt die Frage nach der „Judenmission“, die besonders auch auf evangelischer Seite gestellt wird. Zudem hat der jüdisch-christliche Dialog auch eine neue Form der Zusammenarbeit im Blick auf eine biblisch inspirierte Ethik zur Folge, die die Themen Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Frieden und Sorge um das Leben, besonders aber den Einsatz für die Menschenrechte enthält.

Es gibt freilich auch im Zentrum noch längst nicht genügend angegangene Grundfragen. Ich nenne hier nur drei Komplexe, nämlich die Messiasfrage, die Einzigartigkeit Jesu als Sohn Gottes und die Gesetzesfrage.

Der „erste Durchbruch“ hat sicher erreicht, dass wir uns gelassener kritische Dinge sagen können, die bisher nicht in dieser Form möglich waren. Wir wünschen uns gegenüber wachsender Säkularisierung eine gemeinsame intensive Auseinandersetzung zur Gottesfrage. Dabei ist selbstverständlich, dass weder die Vorgeschichte vor Auschwitz beschönigt werden noch dass man auf die Endzeit nach aller Geschichte ausweichen darf, um Auschwitz zu relativieren. In diesem Sinne geht es wirklich um eine „Theologie nach Auschwitz“. Gerade so kommen wir gemeinsam zu einem Gespräch über den Sinn von Religion heute. Ich schließen mit einem Zitat über die „Weggemeinschaft von Juden und Christen“ aus dem Dokument „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken aus dem Jahr 1979. Dieses Zeugnis scheint mir inhaltlich und methodisch wegweisend zu sein: „Die gegenseitige Wertschätzung des je anderen Weges geht also untrennbar in eins mit erheblichen Divergenzen in der Einstellung zu Jesus, ob er der Messias Gottes sei. Dies nötigt aber weder Juden noch Christen, die fundamentale inhaltliche Klammer des einen rufenden Gotteswillens aufzulösen. Von daher ist es Juden und Christen verwehrt, den anderen zu Untreue gegenüber dem an ihn ergangenen Ruf Gottes bewegen zu wollen. Dies verbietet sich nicht etwa aus taktischen Erwägungen, auch Gründe humaner Toleranz sowie die Achtung der Religionsfreiheit sind dafür nicht allein ausschlaggebend. Der tiefste Grund liegt vielmehr darin, dass es derselbe Gott ist, von dem Juden und Christen sich berufen wissen.

Christen können aus ihrem eigenen Glaubensverständnis nicht darauf verzichten, auch Juden gegenüber Jesus als den Christus zu bezeugen. Juden können aus ihrem Selbstverständnis nicht darauf verzichten, auch Christen gegenüber die Unüberholbarkeit der Thora zu betonen. Das schließt jeweils die Hoffnung ein: Durch dieses Zeugnis könne beim anderen die Treue zu dem an ihn ergangenen Ruf Gottes wachsen und das gegenseitige Verstehen vertieft werden. Hingegen soll nicht die Erwartung eingeschlossen sein: Der andere möge das Ja zu seiner Berufung zurücknehmen oder abschwächen.“

Eine Intensivierung des jüdisch-christlichen Dialogs, wie wir sie in unserem Land auch von der kürzlich erfolgten Konstituierung der Rabbinerkonferenz erhoffen, wird nicht nur das gemeinsame biblische Zeugnis unterstützen und verstärken, sondern kann auch einige Themen der Heiligen Schrift und unserer Glaubensgemeinschaften neu befruchten. Bisher stand ja, nicht zuletzt auch durch die beiden großen Kirchen gefördert, der innerchristliche ökumenische Dialog im Vordergrund. Dies war unbedingt nötig und muss selbstverständlich auch weitergehen.

Aber durch diese Konzentration haben wir wohl auch Themen der gemeinsamen biblischen Überlieferung in den Hintergrund treten lassen. Ich denke zum Beispiel an die fruchtbare Beschäftigung mit dem großen Thema der Rechtfertigung. Aber nun wäre es gewiss auch an der Zeit, dass wir uns angesichts dieses Dokumentes neu mit den Fragen des Gebotes und des Gesetzes, der Weisung Gottes als Pfad zum Leben beschäftigen. Sonst verarmen wir selbst.

Ähnliches gilt für die Themen der Schöpfung und des Friedens. Sie helfen uns auch, den Glauben in der rechten Weise im Alltag und in der gesellschaftlichen Realität zu verankern. Im Gespräch mit Franz Rosenzweig und Emmanuel Lévinas sind immer wieder die wichtigen Worte gefallen, das Gespräch des Christentums und Judentums könne das Christentum auch davor bewahren, sich der Gnosis auszuliefern.

Für diese Intensivierung des Dialogs haben wir nun eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum mit dem Titel „Dabru emet – Redet Wahrheit“, veröffentlicht am 11.9.2000 in den USA. Dieses Dokument könnte zu einem wichtigen Leitfaden des zu intensivierenden Dialogs werden.

Der Abraham-Geiger-Preis, benannt nach einem Vordenker des liberalen Judentums, wurde im Jahr 2000 zur Gründung des gleichnamigen Kollegs in Potsdam gestiftet, der ersten nach dem Krieg wieder errichteten Ausbildungsstätte für Rabbiner. Zu den bisherigen Preisträgern gehören der französische Philosoph Alfred Grosser und die Religionsphilosophin Susannah Heschel.
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