Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Gemeinsam um die Wahrheit ringen
Mar 18, 2006
Kardinal Lehmann und Bischof Huber äußerten sich zum interreligiösen Dialog.

Berlin (DT vom 16.03.2006) Am Ende schien der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, fast genervt. Nun ist Profilschärfung derzeit zwar das Lieblingswort des Ratsvorsitzenden. Doch konnte man ihm nach der einstündigen Diskussion bei der Tagung "Global Prayer - Global Player - Katholische Kirche und Globalisierung" zum interreligiösen Dialog durchaus zustimmen: "Der interreligiöse Dialog findet in Deutschland noch nicht statt", so sein Fazit. Bislang sei das Gespräch "aufgeschoben".

Und die Runde der Religionsvertreter schien bei allem guten Willen diese These durchaus zu untermauern. Die jüdische Teilnehmerin hob auf ein individuelles Stehen vor Gott ab und bezweifelte die Möglichkeit universeller Werte, während der Dekan der muslimischen Fakultät in Sarajewo ein eigenartig harmonisches Bild der Religionen in seiner bosnischen Heimat zeichnete. Jeder berichtete so aus seinem und selbst im Rahmen der eigenen Religionsgemeinschaft partikulären Blickwinkel. Ein wirklicher Dialog kam dabei nicht zustande.

Bislang "pflegen wir den Unterschieden auszuweichen", konstatierte Huber abschließend. Dabei kenne er derzeit keinen Ort auf der Welt, wo es ein absolut heiles Zusammenleben der Religionen gebe. Und auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, zeichnete ein nicht gerade enthusiastisches Bild der Lage. Erst vor kurzem hatte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayyub Köhler, von einer Sackgasse im Dialog mit den Christen gesprochen. Ernüchterung allenthalben also. Lange Zeit schien ein Dialog der Religionen nur möglich, wenn die eigene Position zumindest relativiert wurde. Nach dem Schock der Terroranschläge vom 11. September und spätestens mit dem Karikaturenstreit ist aber der Traum von einer sich selbst regulierenden multikulturellen Gesellschaft ausgeträumt. Angesichts wachsender Spannungen wird deutlich, dass es zu einem ernsthaften und aufrichtigen Dialog, der auch die Differenzen klar beim Namen nennt, keine Alternative gibt. Insofern könnte die allgemeine Ernüchterung auch durchaus etwas Positives haben. In diesem Sinne war es auch verdienstvoll, dass Lehmann in seinem Eingangsreferat nochmals Voraussetzungen und Eckpunkte für einen Dialog deutlich machte. Offensichtlich bedarf es einer neuen Vergewisserung gemeinsamer Grundlagen, vor allem aber auch der Ziele, soll der Dialog nicht nur in eine Alibiveranstaltung für mangelnde Integrationsbemühungen abgleiten und gesellschaftspolitisch oder kulturell instrumentalisiert werden. Wo aber sind die Grundlagen für einen Dialog zu finden? Lehmann verwies hier einerseits auf das Konzilsdekret "Nostra aetate", in dem die fundamentale Gemeinsamkeit der Religionen in ihrem Versuch gesehen werden, eine Antwort auf einen "tiefen religiösen Sinn" im Menschen zu geben. Diesen universalen, menschheitlichen Horizont sah Lehmann auf säkularer Ebene in der Anerkennung der Menschenwürde und den Menschenrechten ausgedrückt. Ein Dialog sei nur dann möglich, "wenn man sich - unbeschadet aller Unterschiede - zunächst einmal als Ebenbürtiger und Ebenbürtige akzeptiert (,par cum pari loquitur)". Angesichts der Gefahren eines ideologischen Missbrauchs der Religion und der tragischen Beispiele für die Folgen eines religiösen Fundamentalismus versuchte Lehmann Kriterien für die Unterscheidung zwischen Wesen und Unwesen der Religion darzulegen. Demnach muss zunächst in jeder Religion erkennbar bleiben, dass sie ganz auf Gott als Grund und Ziel unseres Lebens bezogen ist. Der Name Gottes dürfe nicht instrumentalisiert werden. Ferner muss laut Lehmann evident werden, dass sich Religion auf die existenziellen Fragen des Menschen bezieht und nach einem verlässlichen Sinn des Lebens jenseits des Todes sucht. In diesem Zusammenhang forderte er eine "strikte Unterscheidung zwischen Zeit und Ewigkeit, Geschichte und Transzendenz, Menschenherrschaft und Gottesherrschaft". Damit ist freilich auch eine Trennung von Religion und Staat angesprochen, wie sie sich in islamisch geprägten Gesellschaft bislang noch nicht abzeichnet. Ebenso verlangte der Kardinal die Anerkennung der negativen und positiven Religionsfreiheit als entscheidende Voraussetzung für den Dialog. In der Religionsfreiheit als Menschenrecht sah er dabei gar den Prüfstein dafür, "ob eine Religion sich den Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens unter heutigen Bedingungen stellt und auch unterwirft". Dadurch werde allerdings die moralische Pflicht des Einzelnen, den wahren Glauben zu suchen und anzunehmen, keineswegs relativiert oder aufgehoben, präzisierte er. Stattdessen gehe es vornehmlich darum, dass die Religionsfreiheit von Eingriffsmöglichkeiten staatlicher Gewalt geschützt werde. Schließlich mahnte er, jede Religion müsse ihr Verhältnis zur Gewalt klären. "Wer seine Überzeugungen mit Macht und Gewalt durchsetzen möchte, scheidet sich selbst aus jedem verantwortungsvollen Dialog der Religionen untereinander aus." Dabei müsse die Religion auch prüfen, "wie weit ihr Gottesbild mit dem Ideal einer gewalttätigen Durchsetzung von Glaubensüberzeugungen oder Interessen einher geht". Und der Kardinal macht zumindest in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" auch keinen Hehl daraus, dass er diese Herausforderung besonders beim Islam sieht. Für ihn sei eine entscheidende Frage, "die an die Wurzel des Islam geht: Wie weit ist dessen Gottesbild mit Kategorien der Gewalt verbunden?" Mohammed sei "ein Krieger und ein Sieger", während das christliche Kreuz im Islam "ein Zeichen des Verlierers" darstelle, so der Mainzer Bischof. "Mit einem Gott, der leidet und gar stirbt, können die Muslime nichts anfangen." Kern und Ziel des Gesprächs der Religionen muss aber für Lehmann wie für Huber das Ringen um die Wahrheit, also die inhaltliche Frage nach dem Gottesverständnis sein. So warnte er auch vor einem Dialog, "der die religiösen Fragen ausklammert und nur politisch und sozial relevante Themen in Angriff nimmt". Gerade für das Katholische Christentum sei es "unverzichtbar, der Frage nach dem Heil, um das es in der Religion geht, nach ihrer Wahrheit und nach ihrem Sendungsanspruch beziehungsweise ihrem Missionszeugnis zu stellen". Diesen inhaltlichen Voraussetzungen dürfe man auf keinen Fall ausweichen. Ungewöhnlich klare Worte. Schaut man nun aber auf die Eckpunkte und Voraussetzungen des Dialogs, wie sie Lehmann formulierte - Religionsfreiheit, Trennung von Kirche/Religion und Staat und damit die Anerkennung eines säkularen Staates, eine Religion, die auf die Eigenveranwortung des Menschen setzt - , scheint auf den ersten Blick eine inhaltliche Auseinandersetzung auf absehbare Zeit kaum in Sicht. Denn diese Kriterien stammen letztlich aus der abendländischen Entwicklung im Verhältnis von Kirche und Staat und finden wie gesagt bislang in muslimischen Staaten kaum Anwendung. Doch gerade gläubige Muslime könnten zumal hierzulande durch einen wirklichen Dialog, der die Wahrheitsfrage nicht ausklammert, sehen, dass gelebter Glaube und eine offene, demokratische verfasste Gesellschaft einschließlich der genannten Rahmenbedingungen keinen Gegensatz darstellen müssen. In diesem Sinne kann in der Tat nur ein Dialog, bei dem es um die Kernfragen der Religion geht, zumindest mittelfristig zugleich auch die nötigen Rahmenbedingungen garantieren. Der eigentliche Gegenstand des Dialogs muss aber, wie Lehmann deutlich machte, im gemeinsamen Ringen um die Wahrheit bestehen.
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