Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German "Die Menschen brauchen Orte zum Totengedenken"
Oct 03, 2005
Konkrete Orte für die Bestattung von Toten hätten eine besondere Bedeutung für die Trauer der Hinterbliebenen. Vortrag von Kardinal Lehmann zum Wandel in der Friedhofskultur.

Main-Rheiner, 17.09.2005 - Das betonte der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, am Freitag, dem 9. September, bei einem Vortrag im Rahmen der Friedhofskulturellen Tagung auf der Bundesgartenschau in München.

Kritisch äußerte er sich zur anonymen Beisetzung und dem digitalen Totengedenken als zwei Formen gegenwärtiger Wandlungen in der Bestattungskultur, die zu "sepulkralen Mustern veränderter gesellschaftlicher Lebenswelten" geworden seien. Lehmann sprach zum Thema "Die Häuser der Toten. Das Grab und der Friedhof als Spiegel von Glaube und Kultur". Veranstalter der Tagung war der Bundesinnungsverband des Deutschen Steinmetz-, Stein- und Holzbildhauerhandwerks.

"Zu simpel als Antwort"

Es sei zu simpel, wenn die Friedhöfe mit ihren Grabmälern, der Grabeskunst und der gesamten sepulkralen Architektur "als Ausdruck bloß einer bürgerlichen Auffassung vom Tod" verstanden würden, sagte Lehmann.

"Es ist meines Erachtens eine leibfeindliche, vom Platonismus oder von der Gnosis beeinflusste Haltung, wenn man die Erinnerung und die Trauer im Blick auf die Toten aufspaltet, nämlich in einen rein mentalen Vorgang des digitalen Totengedenkens, das völlig losgelöst ist von jedem sinnlichen Ort, und ein fast totales Vernachlässigen des konkreten Ortes, wo dieser Mensch bestattet beziehungsweise beerdigt ist. Man muss den Menschen ganzheitlicher sehen. Man muss auch die bleibende Bedeutung eines Ortes stärker würdigen, sonst verlieren eben auch die Begriffe Vergangenheit, Erinnerung und Gedenken ihre Kraft."

Neue Bestattungsformen

Die neuen Formen der Bestattung müssten nicht als "absolut in sich selbst und für immer fragwürdig erscheinen", sagte Lehmann. "Aber ihre anonyme Struktur kann sehr leicht nicht nur mit einer steigenden Individualisierung und Privatisierung unserer Lebenswelten einhergehen, sondern auch Ausdruck der Überzeugung sein, dass es nach dem Tod kein individuelles Leben mehr gibt, Namen keine Rolle spielen oder es jedenfalls gleichgültig ist, individuelle Kennzeichnungen zu verwenden oder nicht." Nicht selten sei diese Haltung auch mit "überzeichneten ökologischen und naturschwärmerischen Vorstellungen" verbunden.

"Anonymisierung"

Bei diesen neuen Formen löse sich das Totengedenken von den klassischen Orten der Trauer. Lehmann sagte: "Die Tendenz zur Anonymisierung hebt das Gewicht des Ortes geradezu auf. Der Tote versinkt im grünen Meer. Beim digitalen Totengedächtnis wird dieser Trend noch gesteigert. Denn auf der einen Seite wird der `Ort´ aufgespalten. Es gibt den mehr oder weniger gleichgültig gewordenen Ort der Beisetzung, dem nur die Funktion der `Entsorgung´ zukommt. Und es gibt den völlig `entkörperlichten´ Ort des virtuellen Friedhofs, in dem so etwas wie eine auch räumlich gegebene Präsenz oder wenigstens Erinnerung nahezu keine Rolle mehr spielt."

Auf der anderen Seite gebe es den Versuch, von überall her über die Internet-Wege einen Zugang zur Erinnerung an den Toten zu erhalten und elektronische Botschaften zu versenden, "ohne sich zu fragen, wie es um den Adressaten bestellt ist".

"Nicht übersehen"

Grundsätzlich müsse abgewartet werden, "ob diese neuen Formen der Bestattung von einigen Kreisen, die sich auch sonst für avantgardistische Eliten halten, modisch propagiert werden, ohne viel Anklang zu finden, oder ob sie doch in einer immer mehr pluralistischen und säkularisierten Gesellschaft auf größere Akzeptanz stoßen". Ökonomische Reize zu solchen Entwicklungen und beruflichen Chancen seien dabei nicht zu übersehen.
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