Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Wir müssen markanter sein”
Aug 16, 2005
„Benedikt XVI wird uns überraschen”: Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, über die Freiheit des Papstes, den Neidkomplex der Deutschen, die Kirche als Bürgerschreck und die Kunst der Gelassenheit - FAZ, 31. Juli 2005.

Daß Joseph Ratzinger Papst wurde, hat der Kölner Kardinal Meisner ein Wunder genannt, bei dem Johannes Paul II. mitgeholfen habe. Sehen Sie das auch so?

Ich sehe vor allem, daß Kardinal Ratzinger ideale Voraussetzungen mitbrachte. 23 Jahre war er in Rom - das heißt mit dem Konzil 40 Jahre Erfahrung in der Weltkirche. Und er war vielleicht der einzige Kardinal, der wirklich Einfluß auf Johannes Paul II. hatte. Er ist zudem ein ganz hervorragender Theologe, dessen Bücher in viele Sprachen übersetzt sind. Und es ist sicher kein Zufall gewesen, daß die „Vatikanologen” der italienischen Presse schon vor dem Konklave schrieben, Ratzinger wären auf jeden Fall 40 bis 50 der 115 Stimmen sicher. Ich habe mich, wenn Sie nach Wunder fragen, vor allem über eins gewundert: daß bei der Wahl die Fragen der Nationalität, der Hautfarbe und so fort überhaupt keine Rolle spielten.

Die Wahl eines Deutschen - eine universalistische Entscheidung?

Natürlich wußte ich, daß wir Weltkirche sind. Aber so konkret zu erfahren, daß der Durchbruch bei der Wahl von Johannes Paul II. vor 26 Jahren von so nachhaltiger Wirkung sein würde - das hätte ich nicht zu hoffen gewagt.

„Wir sind Papst”, titelte die „Bild”-Zeitung nach der Wahl Ratzingers. Sollen wir stolz sein?

Eine geschickte Formulierung für ein Boulevardblatt. Ich habe mich trotzdem geärgert. In Rom dachte ich: Wenn jetzt ein Deutscher Papst geworden ist, muß man da gleich so auftreten? Benedikt XVI. hat aber hervorragend reagiert: Er hat bei den ersten Auftritten nicht deutsch gesprochen. Benedikt ist in Italien hervorragend aufgenommen worden. Tage zuvor wurde er noch „Großinquisitor” oder „Panzerkardinal” genannt. Als er sofort nach der Wahl bejubelt wurde, habe ich zwei befreundete italienische Kardinäle gefragt: Wie ist denn bei euch so ein schneller Wandel möglich? Die Antwort: Ist doch klar, der Papst gehört für uns zur Familie.

Johannes Paul II. zeichnete eine gewisse Sturheit aus. Wird Benedikt XVI. liberaler sein?

Das glaube ich nicht, und das wäre auch ein falsches Signal. Beide sind darin verwandt, daß sie - auch vor dem Hintergrund der kommunistischen und der nationalsozialistischen Erfahrung - in Glaubensdingen zu Kompromissen nicht bereit sind. Es ist freilich eine riesige Aufgabe, gerade bei der Betonung der Entschiedenheit den Glauben vor dem Abrutschen in Fanatismus und Fundamentalismus zu schützen. Es ist immer eine Versuchung, nicht als Weichei gelten zu wollen und daher eine überzogene konservativistische Festigkeit an den Tag zu legen. Dieser Versuchung wird einer wie Benedikt XVI. sicher nicht erliegen.

Benedikt ist, anders als sein Vorgänger, ein bedeutender Theologe. Was heißt das für seine Amtsführung?

Er wird, wie ich ihn kenne, bemüht sein, alle Fragen von der Wurzel her anzupacken - er wird sich nicht in peripheren Dingen verlieren...

...Was wären periphere Dinge?

Nehmen wir die Sexualethik. Da hat er mehrfach die kirchliche Lehrmeinung bestätigt - er hat aber nie über Kondome geredet, obgleich er natürlich ihren Gebrauch ablehnt.

Ratzinger leitete die Glaubenskongregation, Benedikt leitet das Ganze. Wird das seinen Entscheidungen eine neue Richtung geben?

Ratzinger als Papst kann jetzt sehr viel freier vorgehen. Ich kann mir vorstellen, daß er sich etwa zum Terrorismus, zur Europapolitik, auch im Blick auf die Türkei, äußern wird. Aber auch zur Globalisierung und zu den Problemen, die diese mit sich bringt, wird er sich äußern. Hier hat die katholische Soziallehre noch ein Defizit.

Wird Benedikt wie sein Vorgänger die Vorherrschaft des ökonomischen Denkens geißeln?

Ich denke schon. Hier wird es - wie auf anderen Gebieten - eine große Kontinuität der Inhalte geben. Der Stil wird anders sein. Benedikt ist aber auch für Überraschungen gut, er wird einige neue Aufgaben anpacken. Ich denke etwa an das Verhältnis zu China. Da gab es immer wieder Vorstöße von Johannes Paul II., zu einem gewissen Agreement mit den Machthabern zu kommen. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Benedikt energisch bemüht sein wird, die Situation der Christen in der Volksrepublik China zu verbessern. Auch in den Beziehungen zur Russisch-Orthodoxen Kirche Moskaus ist Bewegung denkbar.

Die liegen doch ganz auf Eis.

Es gibt eine gewisse Verhärtung. Aber da wird etwas in Bewegung kommen. Außerdem spielt ja auch herein, daß sich die russische Kirche mit einem polnischen Papst schwerergetan hat, als sie es mit einem deutschen tun wird. Das Eis ist ins Schmelzen eingetreten.

Sind Besuche Benedikts XVI. in Peking und Moskau denkbar?

Moskau - da sehe ich gute Chancen. Peking - das könnte geschehen, aber eine Prognose würde ich nicht wagen. Es ist eher ein Traum.

Ein wichtiger Mann im Vatikan, Kardinal Ruini, will, daß die Kirche entschlossener in der laizistischen Welt um kulturelle Hegemonie kämpft. Wollen Sie das auch?

Ich habe mich schon lange in diese Richtung geäußert. Es war gut, daß wir dialogfähig wurden und Toleranz üben lernten. Und es war gut, daß wir ein ernst zu nehmender Partner im gesellschaftlichen Diskurs wurden - mit der Gefahr, daß der gemeinsame Nenner immer kleiner wurde und das Proprium, das Eigene der Kirche zu entschwinden drohte. Jetzt müssen wir stärker unsere eigenen Positionen markieren und wieder etwas markanter sein - damit nicht alle Katzen in der Nacht gleich grau sind.

Konkret?

Mehr Klarheit in manchen Fragen der Glaubensverkündigung: beim Bekenntnis zum persönlichen Gott und zu Jesus Christus als „Sohn Gottes”, auch in den Fragen der Abtreibung und der Homo-Ehe. Unsere Positionen sind da klar, wir haben sie aber vielleicht eine Weile nicht nachdrücklich genug vertreten.

Die Kirche hat ein Nachwuchsproblem. Müßte sie nicht deswegen - wie auch aus tieferen Gründen - den Laien mehr Kompetenz geben?

Eine wichtige Frage - die man aber nicht unter dem Gesichtspunkt des Mangels an priesterlichem Nachwuchs sehen sollte. Es gibt in Deutschland seit Jahrzehnten eine starke Laienbewegung. Es gibt die neuen pastoralen Berufe, etwa die Pastoralreferenten, nicht zu vergessen die verheirateten Ständigen Diakone, die es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt. So gesehen haben wir viel mehr Menschen in der Seelsorge als je zuvor - im Bistum Mainz sind es 900 bis 1000.

Eine Pastoralreferentin darf einem Sterbenden nicht die Krankensalbung geben. Das entwertet ihre Arbeit.

Das ist ein echtes Problem. Es verbirgt sich dahinter freilich zunächst eine dogmatische Frage: War die Entscheidung des Konzils von Trient das letzte Wort? Man wird sagen müssen, daß es bisher keine überzeugende Interpretation gibt, daß die Vollmacht zur Spendung des Sakraments der Krankensalbung über den Priester hinaus anderen pastoralen Berufen verliehen werden könnte. Das eigentliche Problem scheint mir ein anderes zu sein: die mangelnde Zusammenarbeit zwischen Priestern und anderen pastoralen Berufen. Es gibt manchen Priester, der die Tatsache, daß nur er die Krankensalbung geben darf, zu einem Privileg hochsteigert, mit dem er sich abgrenzt. Das darf nicht sein. Ich war immer dafür, daß Laien, die die Kranken lange Zeit begleitet haben, in die Feier des Sakraments der Krankensalbung zu ihrem Teil einbezogen und daran beteiligt werden.

Was ist dringlicher als dieses Problem?

Die neue Zuwendung zu Fragen von Ehe und Familie. Da ist etwa wichtig die Frage, wie man mit Menschen umgeht, die aus gescheiterten Beziehungen kommen: Welchen Platz sollen sie in der Kirche haben? Man darf das Problem nicht auf die Zulassung zur Kommunion verkürzen. Jede Generation muß die Bedeutung der Ehe neu entdecken. Daß sie das auch tut - dafür muß die Kirche mehr tun als bisher.

Der Religionsphilosoph Remi Brague hat kürzlich gesagt: „Wenn die Christen die Dimension des Bürgerschrecks ganz verlieren, dann hat das Salz der Erde seinen Geschmack unwiderruflich verloren.”

Sehr gut - das ist urbiblisch. Ich bin froh, daß wir immer wieder spirituelle Aufbruchbewegungen haben - in Frankreich und Spanien sicher lebhafter als hier.

Und Bürgerschreck?

Das allein bringt es nicht. Wir müssen widerständig und konsequent sein in grundlegenden Lebensentscheidungen, wo wir uns auch gegen den Trend der Gesellschaft stellen müssen. Das reicht für mich von der Treue in der Ehe über Fragen der Generationengerechtigkeit bis zur Wahrhaftigkeit in der Politik. Oder ganz einfach auch, daß wir den Mut haben zu bekennen: Ich glaube an das ewige Leben.

Viele junge Leute bejubeln konservative Persönlichkeiten wie Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. - laufen zugleich aber bauchfrei, heftig tätowiert und, mit Pasolini zu reden, recht konsumistisch herum. Ein Widerspruch?

Es geht offensichtlich im faktischen Leben zusammen. Die Mädchen auf dem Petersplatz, die dem Papst zujubeln, haben die Pille in der Tasche: Das wissen wir schon lange. Johannes Paul II. hatte nun einmal ein großes Charisma, das gerade auch bei jungen Menschen wirkte. Ihm gelang ein unvergleichlicher Funkkontakt. Ob das auch für Benedikt gelten wird, weiß ich nicht. Der Kern des Erfolgs von Johannes Paul II. bei den Jungen bestand darin, daß er ohne Wenn und Aber sagte: Wir vertrauen euch, daß auch ihr in der Lage seid, die Zukunft zu bauen. Er konnte Zuversicht verbreiten. Das ist ein sehr hohes Gut.

Wolfgang Böhmer, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, hat kürzlich gesagt, die Kirchen sollten bitte schön Zuversicht verbreiten, nicht ständig Probleme thematisieren.

Das sehe ich etwas anders: Das eine schließt das andere nicht aus. Ich rede nicht von Optimismus, aber von Zuversicht. Begründete Hoffnung ist für mich etwas ganz Zentrales. Dies zu vermitteln ist die zentrale Aufgabe der Kirche. Wenn ich das nicht mehr könnte, müßte ich abtreten. Es wäre aber fatal, nicht auch die Hindernisse zu benennen, die der Zuversicht im Wege stehen. Auch gesellschaftliche Hindernisse.

Alle Parteien befassen sich mit Konjunktur, Steuersystem, Lohnnebenkosten. Kommt vor lauter Reden über den Aufschwung nicht der Aufbruch zu kurz, der nötig wäre und wohl von vielen gewünscht wird?

Dieser Aufbruch ist bitter nötig, er wird schon lange gesucht. Und versucht. Dann aber kommt immer, wie es im Evangelium heißt, die heiße Sonne - und alles ist bald versengt. Es fehlt vor allem jede verläßliche Kontinuität, auch bei den Parteien. Doch wir werden nicht umhinkommen, uns noch intensiver zu fragen, was denn eigentlich die Gesellschaft zusammenhält. Sonst werden wir noch mehr auseinandergesprengt - vielleicht explosiver als durch Bomben des Terrorismus.

Sind die Parteien dazu fähig?

Es gibt Ansätze, aber sie versanden dann schnell wieder. Es kommen dann immer wieder, auch jetzt gerade, Haltungen auf, von denen ich meinte, sie seien schon fast überwunden gewesen.

Zum Beispiel?

Viele Vorschläge, Reiche und Erben stärker zu besteuern, wurzeln offensichtlich in einem Neidkomplex. Bald glaube ich selbst, daß der Neid, wie der Mainzer Soziologe Helmut Schoeck meinte, eine zentrale gesellschaftliche Kraft ist. Neid ist geil. Es ist schlimm, daß sich ein solcher Geist breitmacht. Auch die Unbeweglichkeit, mit der oft auf den Umbau des Sozialstaats reagiert wird, finde ich unerträglich. Es ist doch ganz einfach: Der Sozialstaat muß umgebaut werden, damit er erhalten werden kann, das wird ein ungemütlicher Vorgang sein. Dazu braucht es Zuversicht, Kühnheit und Entschlossenheit. Es gibt aber überall in der Gesellschaft ein massives, träges Besitzstandsdenken. Leider auch „oben”. Auch die Kirchen sind nicht verschont.

Hätte eine Partei eine Chance, die nichts verspricht und einen steinigen Weg in Aussicht stellt?

Sie müßte eine Chance haben. Parteien neigen dazu, die Leute zu unterschätzen. Viele wissen aus lebendiger Erinnerung noch, wie armselig ihre Väter und Großväter nach 1945 lebten und was sie geschaffen, geleistet haben. Glaubt man ernsthaft, den Menschen von heute könne man nichts zumuten? Wer so handelt, tut den Menschen nichts Gutes, er wird ihnen nicht gerecht.

Der Mensch „darf die Welt nicht zynisch verachten, sich ihr aber auch nicht ganz hingeben”. Kennen Sie das Zitat?

Nein, aber es liegt mir nahe ...

Es ist von Ihnen, Sie haben es 1955 im Alter von 19 Jahren geschrieben. Woher diese frühe Weisheit?

Das könnte ich schwer sagen. Es ist vielleicht gar nicht meine Weisheit. Ich habe immer viel gelesen. Ich kann heute nur sagen: Es ist mir sehr wichtig, daß man die Welt und die Erde nicht vergötzt, sie nicht absolut setzt und nicht zum Idol macht. Und den Versuchungen erliegt, die auch Jesus am eigenen Leib erfahren hat: Macht, Faszination, Einfluß auf andere zu haben. Wenn man hier widersteht, kann man die Erde und die Menschen viel mehr lieben, als wenn man sie vergötzt. Dann ist man auch imstande, sie zu schonen und ein Stück weit auch zu verschonen. Die jesuitische Tradition von Ignatius von Loyola hat mich sehr geprägt. Und da ist sehr wichtig der „Deus semper maior”, der immer größere Gott, der mich immer transzendiert. Die Haltung, die ich bevorzuge, ist die: „Gott suchen in allen Dingen.” Das heißt heute: Man ist engagiert, man ist zuwendungsfähig - man weiß aber auch, daß es kein Letztes ist. Und man weiß auch, daß man einmal davon Abschied nehmen muß. Darum brauchen wir zuerst Gleichmut und Gelassenheit.
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