Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Kardinal Karl Lehmann im Interview über den Abschied, Kirchen in Osteuropa und Zölibat
May 06, 2016
Kardinal Karl Lehmann nimmt zum 80. Geburtstag am 16. Mai Abschied vom Amt des Mainzer Bischofs. Im Interview mit dieser Zeitung formuliert er Erwartungen an einen Nachfolger, kritisiert Politiker und Kirchen in Osteuropa und nimmt zum Thema Zölibat Stellung.

05.05.2016

MAINZ - Eminenz, wie ist Ihre Gemütslage angesichts des bevorstehenden Amtsabschieds?

Ich bin froh und zufrieden, dass ich meine Aufgaben erfüllen konnte und eine so lange Zeit durchgestanden habe. Eine große Entlastung ist es durchaus auch, Verantwortung in manchen schwierigen Bereichen nicht mehr tragen zu müssen. Ich denke da etwa an die Missbrauchsfälle in der Kirche, eine sehr bedrückende Problematik. Aber meine Solidarität gegenüber dem Bistum und seinen Menschen, die bleibt. Wehmut könnte aufkommen, weil ich manche vertrauten Menschen künftig seltener sehen werde. An Sonntagen kann ich hoffentlich eher das machen, was ich möchte, etwas mehr Ruhe haben zur Meditation und zum Gebet beispielsweise. Ich werde weiter schreiben und mich zu Wort melden, aber wohl dosiert, wenn es mir nötig erscheint. Eines werde ich aber auf keinen Fall tun: Meinem Nachfolger Ratschläge geben, wenn er sie nicht erbittet. Mein Abschied muss schon eine kräftige Zäsur sein. Ich gebe den Staffelstab wirklich weiter an einen Nachfolger.

Welche Eigenschaften muss Ihr Nachfolger haben?

Wie auch immer man Anforderungen formuliert: Es gibt keine Garantien, bei manchen Nachfolgern ist man enttäuscht, bei manchen positiv überrascht. Mein Nachfolger muss zunächst die Bereitschaft zur Offenheit besitzen gegenüber allen Menschen, auch denen außerhalb der Kirche. Dafür muss er tief und fest im Glauben verwurzelt sein, menschlich und spirituell. Und er muss einen Sinn haben für die Lebensart der Region, speziell auch in Mainz.

Wenn Sie auf die Jahrzehnte zurückblicken, insbesondere auf Ihre Zeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz von 1987 bis 2008: Welches waren die einschneidendsten Entwicklungen?

Die deutsche Einheit war ein herausragendes Ereignis. Wichtig war, zu erkennen: Die Ostdeutschen wollen zum Westen, aber nicht vereinnahmt werden. Was die Kirchen angeht: Sowohl die evangelische als auch die katholische muss bekennen, dass wir Defizite hatten und immer noch haben in der Art, auf ungetaufte Menschen in Ostdeutschland zuzugehen. Was mir ebenfalls früh zu denken gegeben hat: die Globalisierung, die in der Vergangenheit sehr oft eine globale Gleichgültigkeit war. Aber jetzt steht die Globalisierung in Form von konkreten Flüchtlingen vor unserer Tür. Und was geschieht noch mit Afrika?

Und wir alle, auch die Kirchen, haben wie damit umzugehen?

Hilfe steht an allererster Stelle. Allerdings: Die Entwicklungen, denen wir uns da gegenüber sehen, sind ambivalent. Es ist einerseits schon fatal und in meinen Augen ein Stück Tragik, wie wir jetzt Herrn Erdogan unterstützen müssen. Andererseits kommt es mir wie ein Wunder vor, wie groß die Hilfsbereitschaft in unseren kirchlichen Gemeinden ist. Das zeigt in meinen Augen auch, dass Christlichkeit und Humanität tiefer verwurzelt sind, als viele befürchten, freilich oft verborgen. Ich habe von Leuten gehört, die sagen: „Ich bin zwar aus der Kirche ausgetreten, aber wenn ihr jetzt – etwa unbegleiteten Kindern und Jugendlichen – so helft, habt ihr mich wieder.“

Der Islam und die christliche Gesellschaft – da gibt es offenbar wechselseitig Ängste und Misstrauen.

Wir sind eine offene Gesellschaft, in der es natürlich Regeln im Umgang miteinander geben muss. Möglicherweise haben wir die Herausforderung unterschätzt, vor allem die Tatsache, dass so viele Menschen mit einem vielgestaltigen Islam kommen würden. Sie sind oft grundverschieden und bekämpfen sich sogar. Sie dürfen sich auch durchaus eine gewisse Fremdheit bewahren, das muss unsere Toleranz aushalten, man darf an Integration nicht zu hohe Erwartungen stellen. Ich fürchte allerdings, dass wir insgesamt mit dieser Fremdheit noch nicht so richtig umgehen können. Die Bibel lehrt uns: Du sollst den Fremden lieben wie Dich selbst. Das ist eine elementare Aufgabe für Juden und Christen. Umso fataler ist es, geradezu unerträglich, wenn die AfD proklamiert, der Islam sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Hier sind – mit oder ohne AfD – noch viele Klärungen nötig.

Könnte das Flüchtlingsthema das Ende der EU bedeuten?

Man muss zwar in Rechnung stellen, dass Menschen, die früher hinter dem Eisernen Vorhang gelebt haben, nicht so viele Gelegenheiten hatten zu lernen, wie man mit Fremdem umgehen sollte. Aber: Solidarität und Freiheit, das ist die europäische Idee, von der gerade meine Generation nach dem Krieg fasziniert war. Deshalb ist es zutiefst enttäuschend, welches Maß an Unverständnis, ja Intoleranz sich vor allem im Osten der EU beim Flüchtlingsthema zeigt. Man sieht daran, dass die Aufnahme einiger Staaten doch zu schnell vor sich ging. Ich selbst habe vor einiger Zeit zum Beispiel mit Rumänen gesprochen, die sagten: „Unser Land ist noch nicht so weit, die EU müsste mehr verlangen, man bekommt in Rumänien fast nichts ohne Korruption. Auch hat der ehemalige Geheimdienst noch eine große Macht. Wir sind nicht reif.“

Wie groß ist die Intoleranz der Kirchen in der EU?

Es schmerzt mich sehr, dass ein Teil der Kirchen in Osteuropa genau so nationalistisch denkt wie manche Politiker dort. Was ich zum Beispiel in der katholischen Kirche Polens sehe, ist ein ganz trauriges Kapitel. Echte Demokratie ist offenbar schwer zu erlernen, auch wenn man im Einzelnen dabei schon öfter Vorbildliches geleistet hat.

Der Papst scheint absolut gewillt, beim Flüchtlingsthema Zeichen zu setzen. Von seinem Besuch auf Lesbos hat er drei muslimische Familien, insgesamt zwölf Personen, mit zurück nach Rom genommen. Eine gut kalkulierte kirchenpolitische Aktion?

Vielleicht auch, aber ich vermute eher eine spontane Geste der Humanität, die ich sehr gut finde. Alle Familien waren wohl Muslime mit zahlreichen Kindern.

Wie lautet insgesamt Ihr Urteil über den Papst, der Barmherzigkeit predigt, von dem man aber immer noch nicht weiß, ob er im Vatikan nicht von erzkonservativen Kräften ausgebremst wird?

Ein Papst wird nicht ausgebremst. Wenn er deutlich sagt, was er will, dann gibt es nicht viel Widerstand. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was Papst Franziskus tut und sagt. Dieser Papst lässt alle Diskussionen zu und wagt neue Ansätze. Aber wir dürfen dabei nicht Zuschauer bleiben. Er braucht uns. Der Papst macht nicht alles alleine.

Sein Dokument zur Familienpolitik vom März hat viel Kritik erfahren. Bei der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie überlässt er die Entscheidung dem jeweiligen Seelsorger.

Das ist eine falsche Sichtweise. Gerade mit diesem Dokument, nur fünf Monate nach der Synode, hat er deutlich seine Handschrift durchgesetzt. Das heißt: Entscheidend ist für den Papst nicht der Seelsorger allein, sondern zuerst der Betroffene selbst, der sein Gewissen objektiv prüfen und damit entscheiden soll, um eventuell wieder zur Eucharistie gehen zu können. Dies kann auch durch ein Gespräch mit einem Seelsorger und geistlichen Berater noch vertieft werden.

Die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen brennt vielen Betroffenen auf den Nägeln.

Ja, die Not ist groß in dieser und anderen Fragen, das kann die Kirche nicht liegen lassen. Es gibt dafür aber keine Patentrezepte. Was der Papst uns aufzeigt und zu bedenken gibt, das muss zuerst alles in die Köpfe von Kirchenleuten und Betroffenen hinein. Das Wichtigste dabei: Kämpfen, nicht aufgeben, man darf sich durch Rückschläge nicht verdrießen lassen. Es gibt hier keine billigen Lösungen, wie man oft denkt. Das Wichtigste ist zunächst, die Menschen zu begleiten, die Situationen zu unterscheiden und den Betroffenen in der Kirche wieder eine Heimat zu geben.

Das gilt nicht zuletzt auch für die Ökumene?

Da ist viel erreicht, trotzdem gibt es im Augenblick viel Müdigkeit und Desinteresse. Manchmal frage ich mich auch: Habe ich selbst zu wenig Feuer? Aber schließlich gilt für viele, die sich jahrzehntelang um die Ökumene bemüht haben, vielleicht auch das, was Mose auf der Suche nach dem gelobten Land von Gott hörte: „Du selbst wirst nicht hineingehen.“ Ich bin zuversichtlich, dass das Jahr 2017, in dem die Evangelische Kirche den 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg begeht, neue Anstöße gibt. Aber auch 2017 kann bestenfalls eine wichtige Etappe werden. Wir geben jedoch das Ziel nicht auf.

Die katholische Kirche klagt über Priestermangel, der bewirkt, dass kleinere Gemeinden zu wenigen großen Gemeinden zusammengelegt werden. Der Weg der Zukunft?

Ich bin damit sehr unzufrieden, obwohl das Bistum Mainz noch nicht so schlimm betroffen ist. Aber wir werden nicht verschont. Ich frage manchmal andere Diözesan-Verantwortliche nach ihren Erfahrungen, wenn aus mehreren kleinen Gemeinden eine große wird. Aber wenn ich dann höre, dies gehe alles in Ordnung, kann ich das nicht so recht glauben. Hier fehlt eben doch wohl die wichtige konkrete Erfahrung von Gemeindeleben vor Ort! Deshalb bin ich skeptisch gegenüber solchen großen Strukturentscheidungen, ehe man nicht alle Folgen bedacht hat.

Aber wenn es doch zu wenige Priester gibt? Sind wir da nicht sofort bei der Forderung, den Zölibat abzuschaffen?

So einfach ist das nicht, das ist ein sehr sensibles Thema. Zunächst: Es ist keine gute Situation, dass wir viele Priester aus anderen Ländern zu uns holen müssen. Das kann auch in einer Weltkirche nicht die Lösung sein. Anfang der 1970er Jahre haben der spätere Kurienkardinal Walter Kasper, der spätere Papst Joseph Ratzinger, Karl Rahner und ich mit anderen den Bischöfen einen Vorschlag unterbreitet, ein Memorandum mit der Absicht einer möglichst vorurteilsfreien Überprüfung des Zölibats auf höchster kirchlicher Ebene. Wir haben nicht gefordert, den Zölibat abzuschaffen, wir haben gesagt: Man muss sich der Frage stellen. Aber es gab seinerzeit fast keine Resonanz. Meist wird die Frage auch zu kurzschlüssig angegangen, als ob es nur auf den Vollzug der Sexualität ankäme.

Aber jetzt findet eine heftige Diskussion statt.

Es gibt – was wir oft vergessen – in den katholischen Ostkirchen ja verheiratete Priester, etwa in Ungarn. Man sollte sich die Erfahrungen, die die Kirche dort macht, genauer anschauen. Bei uns gibt es verheiratete „Ständige Diakone“, die – abgesehen von der Eucharistie- und Beichtvollmacht – vieles machen, was die Priester tun. Der Papst alleine wird aus vielen Gründen nicht entscheiden, dass es bei diesem Thema zu Veränderungen kommt. Aber die Bischofskonferenzen könnten Anfragen stellen. Synoden können sich genauer befassen. Bei diesem Papst ist das vorstellbar. Ich habe mich schon seit 1970 immer wieder für eine nach allen Seiten unvoreingenommene Diskussion dieser Frage („viri probati“) eingesetzt, vor allem in der Kirche selbst. Das neueste Schreiben des Papstes über Ehe und Familie zeigt, dass man für gediegene Reformen bei elementaren Lebensfragen einen langen Atem braucht: Eile mit Weile, aber auch mit heiliger Ungeduld, die zähe Geduld nicht ausschließt. Ohne diese doppelte Speerspitze gibt es in der katholischen Kirche keine wahren Reformen, die wirkliche Erneuerungen sind.

http://www.wiesbadener-kurier.de/vermischtes/vermischtes/mainz-kardinal-karl-lehmann-im-interview-ueber-den-abschied-kirchen-in-osteuropa-und-zoelibat_16867150.htm
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