Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „So denke ich ja manchmal beinahe selbst“
Nov 24, 2014
Der Bischof von Mainz, Kardinal Lehmann, tritt 2016 in den Ruhestand. Im Interview spricht er über die Ökumene, das Zweite Vatikanische Konzil und die Lehren aus dem Fall Tebartz-van Elst.

Herr Kardinal, denken Sie eigentlich noch oft an das Konzil zurück?

Natürlich, jeden Tag. Man hat mit den Texten doch sehr häufig zu tun und wird von ihnen oft inspiriert. Gerade heute habe ich zwei, drei Mal in Konzilstexte geschaut.

Sie waren beim Konzil Assistent des bedeutenden Theologen Karl Rahner.

Ja, aber das war eine dienende Funktion für ihn, beim Konzil selbst habe ich keine Rolle gespielt. Ich war auch nur ein einziges Mal in der Aula, als Kardinal Döpfner mich mal mitgenommen hatte.

Betrachten Sie mit dem Abstand von fünfzig Jahren das Konzil als großen Gewinn für die Kirche?

Auf jeden Fall. Allerdings hätte es getrost früher beginnen können. Aber während des Krieges und bald danach war es ja auch nicht möglich.

Erinnern Sie sich an die damalige Stimmung?

Die größte Begeisterung herrschte eigentlich in der Phase vor dem Konzil. Die Zeit von der Ankündigung durch Johannes XXIII. im Januar 1958 bis zur eigentlichen Zusammenkunft – das waren knapp drei Jahre – war für uns junge Leute ungeheuer spannend. Wir haben alle bedeutenden Bischöfe und Theologen, die zur Vorbereitung nach Rom kamen, im Germanicum erlebt. Ob das die späteren Kardinäle Yves Congar und Henri de Lubac waren, Karl Rahner oder der belgische Theologe Edward Schillebeeckx – denen haben wir mit großer spiritueller und auch intellektueller Freude zugehört. Dieser unmittelbare Eindruck war beinahe stärker als die etwas routinehaften Sitzungen des Konzils.

Wie würden Sie Rahner beschreiben?

Er war durch seine sehr fromme Familie geprägt. Insofern war er bei aller Reflexionskraft und auch bei aller Kritik, die er manchmal an der Kirche geäußert hat, tief im Glauben verwurzelt. Er hatte einen unglaublich klaren Intellekt und ein tiefes philosophisches und theologisches Wissen. Es gab keine Frage, auf die er keine Antwort wusste – er hatte bei den Jesuiten ja eine ausgezeichnete Ausbildung erhalten. Als beim Lexikon für Theologie und Kirche in der vorletzten Auflage noch einige Beiträge fehlten, hat er als Herausgeber die Artikel in die Schreibmaschine diktiert, ohne dass er vorher noch etwas zu dem Thema lesen musste. Was man ihm vielleicht gar nicht zugetraut hat: Er konnte von tiefer Menschlichkeit sein, wenn er jemanden leiden sah.

Sind Sie ihm nahegekommen?

Ich sah mich in der Rolle des Assistenten und wollte mir keine falsche Nähe erschleichen. Ich hatte Respekt vor seiner persönlichen Welt mit seinen eigenen Beziehungen. In der gemeinsamen Arbeit gab es keine Grenzen.

Sie sind immer beim „Sie“ geblieben?

Nein, nachdem ich nicht mehr sein Assistent war, bot er mir das „Du“ an.

Wie ist da überhaupt bei Priestern – duzt man sich automatisch?

Nein. Schneller duzen sich Bischöfe und Kardinäle untereinander. Aber auch da will man natürlich zunächst einmal genauer wissen, wen man vor sich hat.

Sie haben einen anderen Großen der Geisteswelt kennengelernt, nämlich Martin Heidegger, über den Sie ja auch promoviert wurden.

Ich bin Heidegger zweimal begegnet. Das erste Mal war es im Sommer 1959, wir sind den berühmten Feldweg gewandert. Hier in seiner Heimat Meßkirch war er lockerer als sonst. Mir war wichtig, ihn direkt zu erleben, ihn sprechen zu hören, seine Gesten zu sehen. Und er als Philosoph hat mich ermuntert, mich zum Beispiel mit der Tübinger Theologie des 19. Jahrhunderts zu beschäftigen.

Man hat Sie ja in den vielen Jahren als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sehr stark überregional wahrgenommen, Sie waren und sind aber natürlich auch Ortsbischof.

Nicht „auch“, sondern „vor allem“. Die Doppelaufgabe in Mainz und bei der Bischofskonferenz konnte ich nur deshalb bewältigen, weil ich immer, bis heute, von einem starken und sehr loyalen Team umgeben war.

Welche Sorgen drücken das Bistum Mainz?

Ich denke, unsere Probleme unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer Bistümer. Obwohl bei uns der Priestermangel noch nicht so groß ist wie etwa im Nachbarbistum Limburg, ist auch unsere Personaldecke schmaler geworden. Ich kann offene Stellen zwar noch besetzen, aber nicht mehr sehr zwischen mehreren Bewerbern auswählen.

Wie war das, als Sie selbst sich für den Priesterberuf entschieden?

Dieser Weg war nicht vorgezeichnet, und ein Erweckungserlebnis gab es auch nicht. Ich wusste auch ein halbes Jahr vor dem Abitur noch gar nicht, dass ich mich für die Theologie entscheiden würde. Aber ich hatte einen wunderbaren Deutschlehrer, der mich schon früh an die letzten Fragen heranführte: Woher kommt der Mensch? Wo geht er hin? Wozu ist er auf Erden? Das interessierte mich brennend, und so entstand der Wunsch, Theologie zu studieren, was in meiner Jugend so gut wie identisch war mit der Berufswahl des Priesters.

Was sagten Ihre Eltern?

Sie waren überrascht. Aber ich hatte wunderbare Eltern, die sagten, ich solle es einfach probieren. Und wenn es mir nicht zusage, solle ich eben etwas anderes machen. Ich lebte also im Gefühl königlicher Freiheit.

Der Gedanke an Ehelosigkeit und Armut machte Ihnen nicht zu schaffen?

Ich war in meinem Studium geradezu selig. Und der Wunsch nach dauerhaftem Austausch, auch zum Beispiel der Kritik einer Partnerin, der tauchte eher im Alter auf. Im Nachhinein wundere ich mich darüber, wie leicht mir als Jüngerem der Verzicht auf Ehe und Familie fiel.

Wenn einer Ihrer Priester sein Amt aufgibt – schmerzt Sie das?

Ich habe ungefähr 30 Priester in den Jahren als Bischof verloren, das war etwa einer pro Jahr. Natürlich tut das immer weh, aber man muss stets den individuellen Menschen sehen. Für manchen Priester mag es besser sein, den Schnitt zu machen, als sich von Krise zu Krise zu hangeln. Jeden einzelnen habe ich bis zur Hofpforte begleitet und ihm gesagt: „Wenn wir etwas für Sie tun können, zögern Sie nicht, hier zu klingeln.“ Immerhin vier von ihnen haben nach dem Ausscheiden wieder in den Priesterberuf zurückgefunden.

Für einen F.A.Z.-Fragebogen sollten Sie den Satz „Rat suche ich bei...“ vervollständigen. Sie haben gesagt: „Bei denen, mit denen ich beruflich nicht so sehr verbunden bin“. Warum?

Ich mag keine klerikale Inzucht. Ich möchte mit normalen Leuten reden und auch von ihnen lernen. Ich möchte Standpunkte erfahren, an die ich selbst nicht zuerst denke. In bestimmten, vor allem sozialen, Fragen suche ich auch ganz dezidiert den Rat von Frauen, die im Leben stehen. Aber natürlich habe ich auch unter Priestern und Bischöfen gute Freunde.

Sie haben oft und gern mit Helmut Kohl gesprochen.

Mit Helmut Kohl war ich zweimal im Jahr in dessen Urlaub einen halben oder ganzen Tag zusammen. Meist sind wir wandern gegangen. Ganz selten haben wir dabei über Politik gesprochen. Er interessierte sich sehr für die Kirche und für Rom.

Sie duzen ihn?

Ja.

Wer hat das Du angeboten?

Er als der Ältere.

Haben Sie noch Kontakt?

Ja, ich war bei seiner letzten Geburtstagsfeier. Helmut Kohl ist geistig vollkommen klar.

Sie haben sich früh für die Ökumene eingesetzt.

Seit 50 Jahren tue ich das.

Wie ist der Stand der Dinge?

Wissen Sie, ich komme aus einem Dorf, in dem es keinen einzigen protestantischen Christen gab. In der Nachbarschaft wurden evangelische Kinder sogar verprügelt. Solche Extreme gibt es gottlob nicht mehr. So betrachtet, haben wir einen langen, erfolgreichen Weg hinter uns. Aber es ist wie beim Bergwandern. Wir haben manche Berge bezwungen, aber jetzt stehen wir vor einer letzten Steilwand. Da geht es langsamer, da muss man auch einmal zurücksetzen und wieder neu aufbrechen.

Sind in Ihren Augen eigentlich 500 Jahre Reformation im Jahr 2017 ein Grund zum Feiern?

Das Wort „Feiern“ benutze ich nicht. Wir gedenken nachdenklich.

Was ist denn heute nach so viel Annäherung der Knackpunkt zwischen Katholiken und Protestanten? Die Eucharistie?

Nein, nicht mehr. Im Wesentlichen ist es die Frage nach dem Kirchen- und Amtsverständnis.

Was sagen Sie einem Christen gleich welcher Konfession, der behauptet, das Trennende, das seien doch theologische Spitzfindigkeiten?

So denke ich ja manchmal beinahe selbst. Wir waren Ende der siebziger Jahre in manchen Fragen schon weiter als heute, da gebe ich Ihnen recht.

Herr Kardinal, wir können ja nicht auseinandergehen, ohne Sie über das Bistum Limburg zu befragen. Was ist Ihre persönliche Erkenntnis aus den Vorfällen um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst?

Ich rühre das Thema Limburg nicht so gerne wieder an. Aber man muss auch darüber nachdenken, was man daraus lernen kann. Limburg geht uns in seinen Wirkungen sehr nach. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Es geht um den Bau eines Hauses für die Domgemeinde in Worms. Da wird einem gleich das Wort „Limburg“ an den Kopf geworfen, oder es tauchen Plakate mit der Aufschrift „Limburg ist überall“ auf. In Limburg eskalierte die ganze Situation, weil man viel zu lange mit einer Klärung gewartet hat.

Aber wer hätte, wie Sie sagen, früher einschreiten können? Die Deutsche Bischofskonferenz kann doch gar keine offiziellen Sanktionen gegen einen Ortsbischof vornehmen.

Richtig, da gibt es verfassungsmäßig ein gewisses Loch. Die Stellung des einzelnen Bischofs ist sehr stark. Wer sich als Bischof ganz auf den Papst als oberste Autoritätsquelle ausrichtet und die Kollegialität der Bischöfe und der Bischofskonferenz weniger achtet, gegen den kann die Bischofskonferenz nichts unternehmen. Ich habe Bischof Tebartz von Anfang an gesagt: „Du hast es nicht leicht. Du hattest einen charismatischen Vorgänger, Franz Kamphaus, und die Menschen gewöhnen sich nicht so schnell an einen anderen Nachfolger. Wir helfen dir, wo es geht. Komm und frag.“ Aber er hat nie etwas gefragt.

Hat Tebartz-van Elst ganz allein die Schuld an den Zerwürfnissen?

Natürlich nicht. Auch das Limburger Domkapitel hat keine gute Figur gemacht. Es hätte ja das Recht gehabt, bei den Ausgaben nachzufragen, sein Veto einzulegen. Aber das hat ja das Kapitel selbst gesagt.

Hat man Bischof Tebartz-van Elst genügend mitbrüderlich unterstützt?

Erzbischof Zollitsch als Vorsitzender der Bischofskonferenz hat im Ständigen Rat – das ist die Tagung der Bischöfe ohne die Weihbischöfe – Bischof Tebartz zweimal gefragt, ob er uns denn etwas über die Vorwürfe sagen könne, die in Limburg laut geworden waren. So hatte Bischof Tebartz zweimal circa 20 bis 25 Minuten Zeit, die Lage zu erklären. Und da, das muss ich leider sagen, hat er alle schwierigen Fragen umschifft. Als dann der Antrag gestellt wurde, eine öffentliche Erklärung für ihn abzugeben, da haben einige gesagt: „Das kann ich nicht machen, weil ich nicht wirklich weiß, was in Limburg los ist.“ Wenn Bischof Tebartz kollegialer und offener gewesen wäre, hätte er von uns auch mehr Unterstützung bekommen. Er tut mir leid.

Ihr Ruhestand ist absehbar. Was planen Sie für diese Zeit?

Na, ich muss jetzt erst einmal sehen, dass ich einen neuen Weihbischof bekomme. Aber ich habe Gott sei Dank innerhalb von einer Woche von Rom die Zusage erhalten, dass die Stelle wieder besetzt wird.

Was heißt eigentlich „von Rom“ genau?

Ich schreibe direkt an den Papst. Und konkret darum kümmern wird sich weitgehend die Bischofskongregation. Immerhin hat der Vorsitzende der Bischofskongregation einmal wöchentlich Audienz beim Papst, genauso wie der Chef der Glaubenskongregation. Das sind die beiden einzigen Kongregationen, deren obersten Repräsentanten ein regelmäßiger Besuchstermin gewährt wird. Der Nuntius teilte mir dann mit, dass der Papst die Stelle bewilligt hat. Und jetzt habe ich in einem persönlichen Brief etwa 125 Leute angeschrieben und sie um einen Personalvorschlag gebeten. Das ist eine ganz gute Methode, weil man da vielleicht auch Namen genannt bekommt, die einem selbst nicht automatisch einfallen würden. Aber die Verantwortung bleibt bei mir.

Und Sie schicken dann einen Dreiervorschlag an den Nuntius?

Ja, über den Apostolischen Nuntius an den Papst.

Und wie machen Sie klar, wen von den Dreien Sie sich am meisten wünschen?

Indem ich ihn an die erste Stelle setze. Und dann muss wiederum der Nuntius für jeden von dieser Liste, über den noch kein sogenannter Informationsprozess in Gang gesetzt wurde, ungefähr 20 Personen befragen. Der Nuntius fragt überhaupt viel, vor allem bei der Besetzung frei gewordener Stühle von Bischöfen. Da ich schon so alt bin, werde ich aufgrund meiner Erfahrung oft angefragt. Ich antworte auch immer recht gründlich, denn diese Möglichkeit der Mitwirkung muss man verantwortungsvoll handhaben. Dabei hilft die Methode absoluter Vertraulichkeit. Auf diese Weise werden Personen, die nicht zum Zuge kommen, nicht beschädigt. Allerdings hat die Geheimhaltung auch einen Nachteil: Man kann sie, weil nichts öffentlich wird, auch als Einfallstor für Intrigen nutzen.

Wissen Sie, wer noch auf dem Dreiervorschlag stand, als Sie zum Bischof von Mainz gewählt wurden?

Nein, ich habe auch nie versucht, es herauszubekommen. Es hat sich mir auch niemand angedient. Dies ist die Stärke unseres „Systems“.

Jetzt haben Sie aber noch nicht erzählt, was Sie im Ruhestand machen werden.

Das werde ich erst am 16. Mai 2016 genauer wissen. Hoffentlich erlebe ich dies noch. Ich hoffe, dass wir in einigen Monaten wieder einen Weihbischof haben. Ich werde dann gewiss im Ruhestand viel lesen, werde Freunde und Verwandte besuchen, was ich leider vernachlässigen musste. So Gott will, werde ich sicherlich auch noch das eine oder andere veröffentlichen. Und sonst freue ich mich darauf, am Wochenende auch mal daheim bleiben zu können.

Herr Kardinal, Sie sind der 87. Nachfolger des Heiligen Bonifatius. Denken Sie manchmal daran?

Keine Sekunde. Ich weiß um das Erbe auf meinen Schultern. Ich blicke auch nicht zu viel in eine ohnehin fremde Zukunft. Ich versuche jeden Tag gut zu bestehen. Ich kann mich nicht in der Vergangenheit sonnen, ich kann aber auch nicht in eine unbekannte Zukunft hinein träumen.

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