Karl Cardinal Lehmann Karl Cardinal Lehmann
Function:
Bishop of Mainz, Germany
Title:
Cardinal Priest of San Leone I
Birthdate:
May 16, 1936
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Manchmal fehlt es an Zivilcourage“
Oct 06, 2013
REDAKTIONSGESPRÄCH Karl Lehmann warnt vor Mauern – nicht nur im Fall Lampedusa

Wenn sich der Pulverdampf lege, sei vieles einvernehmlich zu lösen, prophezeit Kardinal Karl Lehmann, und sein Schmunzeln spiegelt den prinzipiellen Optimismus, der ihn auszeichnet. Er spricht an dieser Stelle keineswegs von innerkirchlichen Verwerfungen, die er – natürlich – kennengelernt hat in seiner 30-jährigen Amtszeit, sondern über die Lage nach der Bundestagswahl.

Ein zweistündiges, mit schwierigen Themen durchsetztes Redaktionsgespräch mit dem Mainzer Bischof ist auch deshalb angenehm und ertragreich, weil er klare Antworten gibt zum täglichen Leben als solchem. Auch zum Fluglärm. Lehmann beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema und führt viele Gespräche, möchte darüber aber nicht öffentlich sprechen, „kein Marktgeschrei machen“, wie er lächelnd anfügt. Deutlich klagend sagt er aber dies: „Die Lärmbelästigung in Mainz ist besonders schlimm. Offensichtlich kann man Königstein, Bad Homburg und Wiesbaden vor Fluglärm schützen, Mainz aber nicht.“

Der Wissenschaftler und Theologieprofessor Lehmann saß nie im Elfenbeinturm. Über die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl sagt er, er wünsche sich „zügige Gespräche, ohne Taktiererei.“ Die soziale Zukunft der Bürger müsse gesichert werden. Sehr konkret: „Es muss in manchen Branchen einen Mindestlohn geben; es ist eine Schande, welche niedrigen Löhne in manchen Bereichen gezahlt werden.“ Sehr klare Worte findet er auch angesichts von Toten und Flüchtlingselend vor Lampedusa: „Wir in Europa dürfen nicht riesige Mauern aufbauen, da müsste man sich ja schämen, da muss die Politik jetzt in sich gehen.“ Nicht zuletzt sollten in den Herkunftsländern der Flüchtlinge stärkere Anreize gesetzt werden, damit die Menschen dort menschenwürdig leben können.

Gerechtigkeit, das Soziale – von jeher denkt der Theologe Lehmann, um Seelsorger zu sein, auch sehr konkret in Richtung politischer Entscheidungen. Familienpolitik: „Den Frauen muss es möglich sein, nach der Geburt von Kindern erfolgversprechend in den Beruf zurückzukehren.“ Es gehe um größtmögliche Wahlfreiheit, „deshalb verstehe ich auch das Geschimpfe gegen das Betreuungsgeld nicht.“

Papst entfacht Begeisterung

Die Frauen- „Politik“ der katholischen Kirche? Überhaupt, der Kanon der umstrittenen Themen: Homosexualität, wiederverheiratete Geschiedene – nach aufsehenerregenden Interviews des Papstes richtet sich die Frage an Lehmann: Gibt es eine Zeitenwende in der katholischen Kirche? Seine Antworten zeigen viel Nachdenklichkeit, aber auch verhaltenen Optimismus. „Man muss sehen, was daraus wird. Ich freue mich über den Schwung und die Begeisterung, die der Papst entfacht, aber es kostet riesige Arbeit, das mit der oft vorhandenen Härte des Buchstabens in Einklang zu bringen.“ Der Buchstabe der kirchlichen Gesetze und Regeln ist gemeint. Er sehe, resümiert Lehmann, „dass sich in den vergangenen Jahrzehnten schon sehr viel verändert hat, und es hätte sich noch mehr verändern können, aber manchmal fehlt es auch an Zivilcourage.“ Er erinnert daran, dass er gemeinsam mit anderen Theologen schon in den siebziger Jahren an den Vatikan appellierte, die Weihe von Diakoninnen theologisch zu prüfen und ins Auge zu fassen. „Ich wünschte mir, das wäre entschieden worden, aber ich nehme an, dass das jetzt geschieht“. Lehmanns Grundposition: Einer Weihe von Frauen zu Diakoninnen stünden theologische Aspekte in letzter Konsequenz nicht entgegen, „bei der Frage ‚Weihe von Frauen zu Priesterinnen‘ wäre es allerdings unlauter von mir, ein solches Urteil zu fällen.“

Es gibt Bedienstete in der katholischen Kirche, die ihren Arbeitsplatz verloren, weil sie geschieden wurden. Und es gibt Berichte, dass in manchen katholischen Kliniken homosexuelle Ärzte nicht erwünscht sind. „Es hat sich schon viel geändert“, entgegnet Lehmann, „nach dem kirchlichen Arbeitsrecht gibt es jetzt keinen Automatismus, dass eine Scheidung den Arbeitsplatz gefährdet.“

Homosexualität und Kirche

Der Papst forderte kürzlich in einem Interview Barmherzigkeit gegenüber Homosexuellen ein. „Er sagt aber auch: ‚Ich bin ein Sohn dieser Kirche‘,“ mahnt Lehmann – jener Kirche, für die Homo-Ehen keine Ehen sind. Die Auffassung des Mainzer Kardinals lautet: Es müsse möglich sein, dass Homosexuelle verantwortlich in Einrichtungen der katholischen Kirche tätig sind, „wenn sie mit ihrer Homosexualität nicht öffentlich Propaganda machen.“

Natürlich sind es oft die heikelsten Fragen, die denen gestellt werden, die das höchste Vertrauen genießen. Auf dramatische Weise steht Lehmanns Limburger Amtsbruder Tebartz-van Elst in der Kritik. Unter anderem werden ihm die überbordenden Kosten für seine Bischofsresidenz vorgeworfen, auch ein Erster-Klasse-Flug nach Indien; in letzterem Kontext untersucht die Hamburger Staatsanwaltschaft, ob Tebartz-van Elst eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben hat. Falls ja, könnte ihm eine Anklage drohen. Die Entscheidung, so die Staatsanwaltschaft, solle bis Ende kommender Woche veröffentlicht werden.

Versöhnung in Limburg?

Lehmann äußert sich sehr zurückhaltend zum Fall Tebartz-van Elst. „Die Kräfte, die heilen können, müssen nach meinem Verständnis aus dem Bistum Limburg selbst kommen.“ Tebartz-van Elst sei nach seinem Eindruck „persönlich nicht verschwenderisch“, so Lehmann. Allerdings: „Es wäre nicht so weit gekommen, wenn in Limburg manches früher klar gesagt und transparent gemacht worden wäre, auch die Kosten für die Bischofsresidenz.“ Es gehe letztlich, wie stets, darum, „Versöhnung zu schaffen“, betont der Kardinal. Dass das gerade in diesem Fall extrem schwierig ist, bedarf keiner zusätzlichen Worte.
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