Gerhard Ludwig Cardinal M Gerhard Ludwig Cardinal M
Function:
Prefect of the Congregation for the Doctrine of the Faith
Title:
Birthdate:
Dec 31, 1947
Country:
Germany
Elevated:
Feb 22, 2014
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German „Die Ehe darf nicht zu einer abstrakten Theorie werden“
Apr 17, 2014
15.04.2014  ·  Kurienkardinal Müller warnt vor Praxisferne in der Behandlung der Ehe. Das Wort Gottes dürfe dennoch nicht auf unseren Bedarf heruntergebrochen werden, sagt der vatikanische Präfekt der Kongregation im zweiten Teil des F.A.Z.-Gesprächs.

urienkardinal Gerhard Ludwig Müller ist Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre. Im ersten Teil seines Gesprächs mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach er über Widerstände gegen seine Aufnahme ins Kardinalskollegium, die Pius-Brüderschaft, die Befreiungstheologie und die Entweltlichung der Kirche. Im zweiten Teil spricht der frühere Bischof von Regensburg über die Wiederverheiratung Geschiedener. Kardinal Müller warnt vor einer Entwicklung, in der die Unauflöslichkeit der Ehe zu einer abstrakten Theorie würde, die in der Praxis keine Rolle mehr spiele. Gleichwohl sieht er sich eins mit Papst Franziskus in der Absicht, wiederverheiratet Geschiedenen „seelsorgerlich zu helfen“. Der dritte Teil des Gesprächs folgt in den nächsten Tagen.

Gibt es eine Spannung zwischen dem Seelsorger Papst Franziskus, der von dem Leben und seinen Brüchen spricht, und dem Dogmatiker Kardinal Müller, der darauf achtet, dass sich das Leben nach der Lehre richtet und nicht umgekehrt? Etwa in der Frage des Umgangs mit wiederverheiratet Geschiedenen in der Kirche?

Gerade wegen der Krise von Ehe und Familie und der oft leidvollen und tragischen Situationen, in die Ehen und Familien hineingeraten, hat der Heilige Vater zwei Bischofssynoden einberufen, um eine umfassende Erneuerung vorzubereiten und auch viele Nöte im konkreten Situationen zu mildern. Anstatt aber Glaubenslehre und Glaubenspraxis gegeneinander ausspielen, müssen wir ihre innere Einheit wiedergewinnen. Denn Jesus Christus als der „Weg zum Vater“ ist in seiner Person „Wahrheit“ und „Leben“ zugleich ( Joh 14,6). Weder ist die Lehre der Kirche lebensfremde Theorie über das Wort Gottes, noch ist die kirchliche Praxis nur Kasuistik, die das Wort Gottes auf unseren Bedarf herunter bricht. Der Christus im Zeugnis der Bibel und im Bekenntnis der Kirche ist keine andere Person als die, die mir im Gebet und Glauben begegnet. Unser Verständnis von Barmherzigkeit muss am biblischen Verständnis Maß nehmen. Gottes Barmherzigkeit ist die Zuwendung seiner vergebenden und neuschaffenden Liebe, durch die er uns gerecht macht, d.h. „befreit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21).

Wenn Sie das nicht können, was können Sie dann?

Es gibt aporetische Situationen, die sich menschlich nicht auflösen lassen und einmal in Gottes gnädigem Gericht geklärt werden. Was ist die richtige oder falsche Lösung, wenn die Rückkehr zum Ehepartner aus der gültigen sakramentalen Ehe mit Kindern nicht möglich ist, ohne dass die Fürsorge für einen zweiten Partner und die Kinder aus dieser gemeinsamen Verbindung vernachlässigt würden? Eigentlich kann man nicht von „den“ wiederverheiratet Geschiedenen als einer festen Gruppe sprechen, für die eine generelle Lösung und zwar gleich für die ganze Weltkirche gefunden werden könnte. In der Seelsorge haben wir es mit Menschen in ihrer jeweils einmaligen Situation zu tun, die als Christen ihr Leben in Einklang bringen wollen mit den Weisungen Christi. Diese sind umgesetzt in der Lehre der Kirche über die sakramentale Ehe mit ihren Eigenschaften: der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen, der Einheit (Monogamie), Unauflöslichkeit und Offenheit für Kinder, die den Eltern von Gott anvertraut werden. Eine wunderbare Synthese der kirchlichen Ehelehre finden Braut- und Eheleute in der Pastoralkonstitution des II. Vatikanums „Gaudium et spes“ (Art. 47-52).

Und nicht selten Kinder betroffen sind oder neue ins Spiel kommen.

Jeder kennt in seinem familiären Umfeld schwierige Situationen. Nach 40-jährigem Dienst in der Seelsorge weiß ich, dass die Wunden einer Trennung von zwei Menschen, die „ein Fleisch sind“ ( Mt19,5) nicht allein wegen des Themas Kommunionempfang ein Leben lang schmerzen, sondern auch wegen des zerbrochenen Vertrauens und der Sorge um die Kinder, die zwischen Vater und Mutter hin- und hergerissen sind. Die enorme Spannung zwischen der Glaubenswahrheit von der unauflöslichen Ehe und der konkreten Lebenssituation, in die Menschen oft auch ohne eigene Schuld geraten, kann für die Betroffenen oft unerträglich werden. Und doch dürfen sie leben in der Hoffnung, „dass Gott denen, die ihn lieben letztendlich alles zum Guten gereichen lässt“ (Rom 8, 31-39). Jedoch hat auch die höchste kirchliche Autorität nicht die Vollmacht, die gültige und vollzogene Ehe als Sakrament aufzuheben. Schon die Apostel empfanden die Lehre Jesu, in der er die Scheidungsgründe, die Mose zugestanden hatte, im Streitgespräch mit den Pharisäern ausschloss, als provokant (Mt 19,1-12). Das ist ein eminent theologisches und pastorales Problem, das sich aus der Spannung zwischen der göttlichen Stiftung der Ehe als Sakrament und der Ehe als Lebensgemeinschaft von Menschen in all ihrer Begrenztheit ergibt. Es hängt nicht daran, dass ein paar weltfremde Amtsträger gefühllos auf den Buchstaben des Gesetzes herumreiten.

Mitte Februar wurde beim Konsistorium im Kreis der Kardinäle ausführlich über dies Thema gesprochen. Wohl niemand in diesem Kreis will die Überzeugung aufgeben, dass die Ehe unauflöslich ist. Gibt es zwischen dem sakramentalen Charakter der Ehe und ausweglosen Situationen, wie Sie sie beschrieben haben, Vermittlungsmöglichkeiten?

Der Referent hat nach einer allgemein akzeptierten Darstellung der Lehre über die Ehe auch pastorale Lösungsvorschläge für ganz komplizierte Einzelfälle vorgetragen, die eine kontroverse Diskussion ausgelöst haben. Die Intention, hier seelsorgerlich zu helfen, teilen alle ohne Ausnahme. Keiner argumentiert anders, weil er unbarmherzig wäre. Aber es besteht keine Einmütigkeit darüber, ob diese schon vor Jahrzehnten erarbeiteten Thesen einen wirklichen Ausweg aus der Krise von Ehe und Familie darstellen. Das Evangelium von der Unauflöslichkeit der Ehe darf nicht zu einer abstrakten Theorie werden, die in der Praxis der Kirche keine Rolle mehr spielt. Die Ehe ist als Sakrament eine von Gott gestiftete Realität, über die wir nicht verfügen können, und nicht nur ein menschliches Ideal, das man aus eigener Kraft anzielen oder auch verfehlen kann.

Also weder Barmherzigkeit noch Umkehr und Buße, von denen Kasper sprach?

Die drei von Ihnen genannten biblischen Grundbegriffe beziehen sich hier auf den Neuanfang in der bestehenden ehelichen Lebensgemeinschaft und nicht auf eine neue Ehe zu Lebzeiten des Ehepartners. Hier gilt das Wort Jesu, das Paulus gegenüber den Fragen aus der Gemeinde in Korinth in Erinnerung ruft (vgl. 1 Kor 7,11). Was die oberrheinischen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief vor 20 Jahren vorgeschlagen hatten, das konnte so von der Glaubenskongregation unter Joseph Kardinal Ratzinger mit Approbation von Papst Johannes Paul II. nicht anerkannt werden. Dagegen ist zu verweisen auf die großen päpstlichen Schreiben „Familiaris consortio“ (1981), „Sacramentum caritatis“ (2007) und natürlich auch auf den Katechismus der Katholischen Kirche. Es müssen auch große politische und ökonomische Anstrengungen für Lebens- und Arbeitsverhältnisse unternommen werden, die das Leben in Ehe und Familien fördern und nicht erschweren. Papst Franziskus hat mit seinen einleitenden Bemerkungen darauf verwiesen, dass das Thema im gesamten Horizont der Krise von Ehe und Familie gesehen werden muss und nicht nur auf den Kommunionempfang eingeengt werden darf.

Das hat auch Kardinal Kasper nicht gemacht.

Dennoch beschränkt sich die Diskussion darauf und wird zur Testfrage. Der Blick des Glaubens aber kann da nicht stehenbleiben; der Wesenskern der Eucharistie ist die sakramentale Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers und der Auferstehung Christi im eucharistischen Hochgebet, in der Konsekration, der Dank an Gott und die Hingabe an ihn durch Jesus Christus. Auch wenn der Kommunionempfang u.U. nicht möglich ist, bleibt zusammen mit der Teilnahme am liturgischen und karitativen Leben der Kirche insbesondere die Mitfeier der heiligen Messe daher sinnerfüllt und vermittelt Gemeinschaft mit dem Herrn. Es geht um die verwandelnde Kraft der Liebe Christi und die tröstliche Erfahrung der Gegenwart Gottes in meinem Leben auch inmitten und trotz aller menschlichen Brüche und Widersprüchlichkeiten.

Auf dem Rückflug vom Weltjugendtag von Brasilien hatte Papst Franziskus im Gespräch mit Journalisten auf die Möglichkeit verwiesen, nach dem Vorbild der Kirchen der Orthodoxie eine zweite Ehe zu begründen.

Die Diskussion darüber ist Teil der jahrhundertelangen Unionsbemühungen. Das katholische Lehramt hat aber immer eine Übernahme dieser Praxis für unmöglich betrachtet, weil man nicht sieht, wie sie mit der Weisung Jesu in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Also sind sich die römisch-katholische Kirche und die Kirchen der Orthodoxie im Verständnis der Sakramente also nicht so einig, wie es in Abgrenzung von den Kirchen der Reformation heißt?

In der katholischen und orthodoxen Kirche ist die Ehe ein Sakrament. Ohne auf die Praxis der orthodoxen Kirchen im Detail einzugehen, wäre Folgendes zu bedenken: Im lateinischen Westen hat sich seit dem Mittelalter ein eigenes kirchliches (kanonisches) Eherecht herausgebildet. Die Kirchen der Orthodoxie stehen noch heute in der Tradition des spätantiken, kaiserlichen Rechtes; das zivile Recht war dominierend. Von daher gab es immer einen Konflikt mit der Sakramententheologie, die katholisch ist und an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält. De facto wird eine zweite oder dritte Verbindung toleriert, aber nicht der sakramentalen Ehe gleichgestellt, die bestehen bleibt. Dagegen hat die katholische Kirche trotz aller Schwierigkeiten dran festgehalten, dass erst nach dem Tod des ersten Partners der Zurückgebliebene frei ist, eine neue Ehe einzugehen. Andererseits ist durch das kanonische Eherecht das Annullierungsverfahren möglich geworden, in dem geprüft wird, ob beim Eheabschluss alle objektiven und subjektiven Voraussetzungen für das Zustandekommen einer sakramentalen und damit unauflöslichen Ehe erfüllt waren.

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kardinal-mueller-im-f-a-z-gespraech-die-ehe-ist-mehr-als-ein-menschliches-ideal-12894177.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
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