Gerhard Ludwig Cardinal M Gerhard Ludwig Cardinal M
Function:
Prefect of the Congregation for the Doctrine of the Faith
Title:
Birthdate:
Dec 31, 1947
Country:
Germany
Elevated:
Feb 22, 2014
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German „In der Theologie gab und gibt es immer auch Versuch und Irrtum“
Apr 14, 2014
Kardinal Müller im Gespräch

13.04.2014  ·  Gerhard Kardinal Müller ist Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre. Im F.A.Z-Interview spricht er über Widerstände gegen seine Aufnahme ins Kardinalskollegium, die Pius-Brüderschaft, die Befreiungstheologie und die Entweltlichung der Kirche.
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© IMAGO Vergrößern Primus inter Pares: Gerhard Kardinal Müller, bis 2012 Bischof von Regensburg

Eminenz, in der Palmsonntagsprozession 2013 sah man Sie nicht unter den Kardinälen, da Papst Benedikt XVI. Sie nicht mehr in das Kardinalskollegium aufgenommen hatte. Es hieß, es habe massive Widerstände gegen Ihre Aufnahme gegeben. Warum?

Solche Dinge werden je nach Sympathie immer verschieden kommentiert. Persönliche Befindlichkeiten sind weniger wichtig angesichts des Auftrages der Glaubenskongregation, an der Seite des Papstes „den katholischen Glauben in der ganzen Kirche zu fördern und zu bewahren“, mit dem Hauptgewicht auf der Förderung des Glaubens in Theologie und Verkündigung. Das Entscheidungsgremium, die Plenaria der Kongregation mit 25 Bischöfen und Kardinälen, arbeitet mit etwa 120 Theologen zusammen (der feste Mitarbeiterstab, das Konsultorenkollegium, die Bibelkommission und die Internationale Theologenkommission).

Das wichtigste Mitglied der Kurie?

In der Kirche ist jeder Dienst wichtig. Der Begriff Kurie hat etwas mit curare, cura, der Fürsorge zu tun. Der Papst beruft Kardinäle zur besonderen Teilnahme an seinem Hirtenamt für die Weltkirche. Diese enge Verbindung zeigt sich in ihrer historischen Herkunft aus den Hauptvertretern des Klerus der römischen Ortskirche. Bis zum II. Vatikanum waren die Päpste selbst die Präfekten der Glaubenskongregation, die bis dahin von einem Kardinal als Pro-Präfekt oder Sekretär geleitet wurde. Die Kongregation mit ihren 25 Kardinälen und Bischöfen, deren Präfekt ein primus inter pares ist, hat gemäß der vom Papst erlassenen Ordnung der Kurie Anteil am Lehramt des Papstes, indem sie ihm in allen Fragen der Glaubens- und Sittenlehre zuarbeitet und seine Entscheidungen auch ausführt.

Papst Benedikt XVI. hatte immer auf eine Aussöhnung der Pius-Bruderschaft mit der Kirche gehofft. Sie zählten nie zu den Freunden von Bernard Fellay, Richard Williamson und Co..

Es geht nicht um persönliche Freundschaften oder Animositäten noch ganz abgesehen von der causa Williamson, sondern um die Frage, ob Papst und Konzil als die höchste Autorität in der treuen Bewahrung des ganzen geoffenbarten Glaubens in „Schrift und Tradition“ anerkannt werden.

Im Jahr 2009 haben Sie von „illegalen“ Priesterweihen in der Pius-Bruderschaft gesprochen und den vier von Erzbischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfen der Pius-Bruderschaft die Eignung für diese Ämter abgesprochen.

Diese Meinung wurde von anderen geteilt. Die Glaubenskongregation hatte in päpstlichem Auftrag mit der Pius-Bruderschaft Lehrgespräche geführt. Daraus ist eine Dogmatische Präambel entstanden, deren Annahme die Voraussetzung für die volle Gemeinschaft mit der Kirche ist.

Die Dogmatische Präambel fußt auf der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Pius-Bruderschaft lehnt wesentliche Aussagen des Konzils ab, etwa über Religionsfreiheit. Wie soll das gut gehen?

Wer die Lehre des I. und II. Vatikanums über den Primat des Papstes und die Kollegialität der Bischöfe kennt, sieht sofort den springenden Punkt. Es ist inakzeptabel, wenn ein paar einzelne Bischöfe sich zu übergeordneten Hütern der apostolischen Überlieferung erklären im Widerspruch zum Papst und allen Bischöfen, die in Gemeinschaft mit ihm die Universalkirche leiten. Insofern ist der Ansatz der Pius-Bruderschaft nicht voll katholisch.

Papst Benedikt XVI. hat der Pius-Bruderschaft mit der umfassenden Wiederzulassung des „alten“ Messbuchs von 1962 und der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe eine Brücke gebaut. Wie beurteilen Sie diesen Schritt nach fünf Jahren?

Benedikt XVI. war schon als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation in die Gespräche mit den Vertretern der Pius-Bruderschaft eingebunden. Das Anliegen war und bleibt legitim: Es ging darum, ein Schisma zu vermeiden. Der Papst als Nachfolger Petri ist „das immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament der Glaubenseinheit und Gemeinschaft“ der katholischen Kirche (II. Vatikanum, Kirchenkonstitution Art. 18). Die Gespräche gediehen so weit, dass Erzbischof Marcel Lefebvre im Jahr 1988 einen Einigungstext unterschrieb, diesen aber am nächsten Tag widerrief.

Monsignore Fellay, der Obere der Pius-Bruderschaft, hat schon im Gästehaus Santa Marta übernachtet, also mit dem Papst unter einem Dach gewohnt. Dennoch keine Bewegung?

Der Ball ist jetzt eindeutig in den Händen der Pius-Bruderschaft.

Wie denkt denn Papst Franziskus über die Pius-Bruderschaft? Er hat sich im ersten Jahr seines Pontifikats nicht einmal öffentlich über diese Gruppe geäußert.

Er sagt ebenso freundlich wie klar, dass es jetzt an der Priesterbruderschaft liegt, ob es zu einer Versöhnung und Reintegration kommt oder nicht.

Eine zweite Gruppe, die auf Ihr Wirken nicht mit übermäßiger Sympathie zu schauen pflegte, ist das Opus Dei.

Darüber wurde auf verschiedenen Websites dies und jenes vermutet. Sicher ist es kein Geheimnis, dass bezüglich des Weiterbestehens der renommierten katholischen Universität Lima (Peru) erhebliche Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Großkanzler, dem Ortsbischof von Lima, bestehen.

Für die Universitäten ist Kongregation für das Bildungswesen zuständig.

Das war auch immer meine Meinung und wir sind involviert, wenn es um Glaubensfragen geht. Der Universität wurde von anderer Seite das Recht entzogen, sich „päpstlich“ und „katholisch“ zu nennen. Zur ultima ratio sollte man nur greifen, wenn alle anderen Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.

Obwohl Papst Benedikt XVI. und Sie mit der Ehrendoktorwürde der PUC ausgezeichnet wurden?

An einer großen Universität mit circa 30.000 Lehrkräften und Studenten wird es wohl immer Schwierigkeiten mit einzelnen geben. Es gilt, die Bedeutung der katholischen akademischen und pädagogischen Einrichtungen in einzelnen Regionen und Ländern dieser Welt neu zu würdigen, vor allem wenn es um den Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppen und weltanschaulichen Richtungen geht. Dialog bedeutet, insbesondere Kontroversthemen ehrlich und sachlich ohne persönliche Diskreditierungen anzusprechen. Darin sehe ich ein enormes Potential für eine positive Gesellschaftsentwicklung und eine große Chance für das Zeugnis des Evangeliums im Zeitalter der Globalisierung.

Vielleicht ein Beitrag aus Peru zur Entweltlichung der Kirche?

Wir als Kirche würden unserer Verantwortung für das Gemeinwohl gegenüber den etwa 70 Millionen Schülern und Studenten in katholischen Bildungseinrichtungen nicht gerecht werden, wenn wir diese leichtfertig aufgäben, um uns in den Kreis von absolut Gleichgesinnten zurückzuziehen. Es geht darum, die jungen Menschen in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu fördern durch die Begegnung mit Menschen, die an Jesus Christus glauben. Dazu gehört, dass alle Studierenden mit theologischen und philosophischen Grundfragen konfrontiert werden, sich ernsthaft mit den geistigen und ethischen Herausforderungen der menschlichen Existenz im Lichte des christlichen Glaubens auseinandersetzen und so in eigener Einsicht zur Wahrheit kommen, die „befreit“ (Joh 8,32 ). Katholische Universitäten haben eine Funktion als „Sauerteig“ durch die Förderung der Wissenschaften und des interdisziplinären Dialogs. Entweltlichung der Kirche meint Konzentration auf das Wesentliche, auf Christus als Mitte und Mittler, um der „Welt“ zu zeigen, dass „Gott jeden Menschen liebt und für ihn seinen eigenen Sohn dahingegeben hat“ (Joh 3,16).

Das scheint der Erzbischof von Lima, Juan Luis Kardinal Cipriani Thorne anders zu sehen.

Nach der kirchlichen Grundordnung für alle katholischen Universitäten hat der Großkanzler die Sorge für die Gesamtausrichtung der Hochschule an den Prinzipien des katholischen Glaubens und des natürlichen Sittengesetzes, das in der Würde des Menschen sein dynamisches Zentrum hat. Aber er leitet sie weder wissenschaftlich noch administrativ. Gemäß der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils „ Gaudium et spes“ Art. 36 gibt es eine legitime relative Autonomie der einzelnen Wissenschaften und Sachgebiete. Der Ortsbischof hat das Recht und die Pflicht, aus Gründen des Glaubens und der Lebensführung einzelne Kandidaten als ungeeignet zu erklären. Das Berufungsverfahren jedoch bemisst sich nach wissenschaftlichen Kriterien, gerade auch in der Theologie.

Worin zeigt sich die katholische Grundausrichtung?

Maßgabe des Bildungsauftrages ist das christliche Menschenbild mit der Überzeugung von der unveräußerlichen Menschenwürde und den sich daraus ergebenden gemeinsamen Grundrechten und Grundpflichten aller Menschen. Die Kirche ist, wenn auch nicht allein, doch in gewisser Weise Anwältin der allgemeinen Menschenrechte, die dem positiven staatlichen Recht vorausgehen. Das zu betonen, ist heute wichtig etwa im Blick auf die Religionsfreiheit, da diese Rechte keine Konzession des Staates darstellen, sondern in der geistig-sittlichen Natur des Menschen begründet sind.

A propos Peri: Im Vatikan sorgte auch für Unruhe, dass Bischof Gerhard Ludwig Müller ein enger Freund des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez sei. Der „Vater der Befreiungstheologie“ scheint bis heute nicht über jeden Verdacht erhaben. Was ist da dran?

Gustavo Gutiérrez wurde meines Wissens von der Glaubenskongregation immer fair behandelt. Persönlich verdanke ich ihm die Einsicht in die innere Verbindung von Theologie und Pastoral. Bei meiner Dankesrede angesichts der Verleihung des Ehrendoktors habe ich in Lima gesagt, dass für mich die Befreiungstheologie nicht eine Theorie ist, sondern in Gustavo Gutiérrez ein Gesicht hat. Sicherlich ist die Befreiungstheologie in Rom kritisch hinterfragt worden, was völlig legitim ist, wenn neue Antworten auf neue Herausforderungen gesucht werden. Da geht es um einen Klärungsprozess, der immer Zeit, Geduld und Wohlwollen braucht.

Ist Gutiérrez endgültig rehabilitiert, nachdem Sie jetzt das zweite Buch zum Thema Armut mit ihm herausgegeben haben?

In der Theologie gab und gibt es immer auch Versuch und Irrtum, Größe und Grenze selbst bei den Kirchenlehrern wie etwa Augustinus, Thomas von Aquin und Theologen wie Newman oder Rahner und von Balthasar. Die Befreiungs-Theologie entwickelte als Methodik den Drei-Schritt „sehen – urteilen – handeln“: Wahrnehmen der gesellschaftlichen Situation, Urteilsmaßstäbe gewinnen aus dem Evangelium heraus und das Handeln im Sinne der persönlichen und gemeinschaftlichen Nachfolge Jesu. Das ist nie beanstandet worden.

Dann ist die Theologie der Befreiung mittlerweile eine anerkannte Denkform, gleichberechtigt neben anderen Ausformungen der Tradition?

Theologie ist ein intellektueller und praktischer Lernprozess, in dem es darum geht, das Wort Gottes im Glauben zu hören und im Leben zu befolgen. Deswegen ist die Theologie auch ein geschichtliches Phänomen. Es gibt historisch gewachsene Gestalten von Theologie; aber wir müssen uns immer wieder „neu aufstellen“, ohne hinter die einmal gewonnenen Erkenntnisse zurückzufallen. Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und dürfen die lebendige Tradition nicht irgendwann abbrechen lassen und somit die Kontinuität der Glaubensvermittlung gefährden. Die Problematik der Befreiungstheologie besteht darin, dass sie dann aufhören würde wirklich Theologie zu sein, wenn sie die Rede von Gott mit marxistischer oder anderer Gesellschaftsanalyse verwechselte, somit das christliche Gottes- und Menschenbild verlassen und die eschatologische Heilswirklichkeit in Jesus Christus aufgeben würde. Sie will aber Rede von Gott sein und das befreiende Handeln Gottes in der religiösen und sozialen Praxis der Kirche sichtbar und wirksam machen. Ihr Grundanliegen ist deckungsgleich mit dem Evangelium für die Armen, denjenigen an der Peripherie, wie Papst Franziskus sagt. Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanums ist ihre wesentliche Orientierung. Daher gehört der theologische Beitrag Lateinamerikas selbstverständlich zur Universalkirche. So wie jetzt auch providentiell ein Lateinamerikaner Papst ist und die Einheit der Weltkirche in der Verschiedenheit ihrer Sprachen und Kulturen repräsentiert.

Ist Papst Franziskus ein Befreiungstheologe?

Weniger im Stil akademischer Theologe. Aber er ist seelsorgerlich mit dem Anliegen der Befreiungstheologie verwachsen. Was wir von ihm lernen können, ist die Einsicht: ohne profunde Theologie keine gute Pastoral und umgekehrt. Dietrich Bonhoeffer sagte, die Theologie sei eine Funktion der Kirche und keine Denkübung für ein paar Intellektuelle. Alles zielt auf das zeitliche und ewige Heil des Menschen, der wesentlich auf die Wahrheit und Liebe Gottes bezogen ist.

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