Péter Cardinal Erdõ Péter Cardinal Erdõ
Function:
Archbishop of Esztergom-Budapest, Hungary
Title:
Cardinal Priest of St Balbina
Birthdate:
Jun 25, 1952
Country:
Hungary
Elevated:
Oct 21, 2003
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Europa braucht Christen mit gesunden Menschenverstand
Feb 20, 2011
Festpredigt zum Karlsfest im Hohen Dom zu Aachen

AACHEN/BUDAPEST, 1. Februar 2011 (ZENIT.org).- "Beten wir für Europa, für alle Völker und Kulturen, die in diesem Kontinent ihre christlich geprägte Identität bewahren. Beten wir für alle Menschen, die von anderen Teilen der Welt in unseren Kontinent kommen, damit wir im Dialog der Kulturen die frohe Botschaft Christi und die Hoffnung, die auf unserem Glauben gründet, weitergeben können", so das inständige Gebet von Kardinal Peter Erdö in Aachen. Der Erzbischof von Esztergom-Budapest, der in diesem Jahr Ehrengast beim Aachener Karlsfest war, betonte, daß der christliche Optimismus auf gesunden Menschenverstand gründet, der vom Glauben erleuchtet wird. "Die Botschaft, die Jesus an alle richtet, kann von allen verstanden werden; hierzu genügt es einen gesunden, das heißt von allem egoistischen Vorurteil freien Verstand zu haben", zitierte er während der liturgischen Feier zu Ehren Kaiser Karl des Großen am vergangenen Sonntag aus dem Kommentar der Jerusalemer Bibel.

Wir veröffentlichen die von Kardinal Péter Erdő zu Verfügung gestellte deutsche Festpredigt:

* * *

Kardinal Péter Erdő

Homilie im Hohen Dom zu Aachen

30. Januar 2011 (Lk 11,33-36)



Hochwürdigster Herr Bischof! Liebe Mitbrüder im priesterlichen Amt, werte Vertreter der Stadt Aachen und der staatlichen Behörden, liebe Brüder und Schwestern!

1. Im heutigen Evangelium lesen wir das Gleichnis Jesu von der Lampe. Einerseits wiederholt sich der auch von den anderen Evangelien bekannte Aufruf Jesu, das Licht nicht zu verbergen (Lk 11,33; vgl. Mt 5,15; Mk 4,21). Andererseits, und zwar auf einer ziemlich mysteriösen Weise, kommt das Motiv des Lichtes im Zusammenhang des menschlichen Körpers vor. „Das Licht des Leibes ist dein Auge. Wenn dein Auge gesund ist, wird dein ganzer Leib Licht sein" (Lk 11,34). Nach Jahrhunderten von verschiedenen Erklärungen der Exegeten scheint die allgemeine Bedeutung dieses Spruches klar: „die Botschaft, die Jesus an alle richtet, kann von allen verstanden werden; hierzu genügt es einen gesunden, das heißt von allem egoistischen Vorurteil freien Verstand zu haben"[1].

Diese Forderung Jesu gilt auch heute. Man ist sehr oft dazu geneigt, die gute Nachricht des Evangeliums, die durch die Tradition der Kirche bekannt ist, und im Kontext der kirchlichen Gemeinschaft lebt und wirkt unter der Leitung des Heiligen Geistes - diese gute Nachricht also mit Befangenheit zu deuten, nach momentanen, subjektiven Wünschen und Interessen zu verstehen und zu verwirklichen. Christus wünscht aber, dass unsere Augen klar sind, dass wir mit selbstlosem und objektivem Blick die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung betrachten. Und dann erblicken wir das wahre Licht, das in der Symbolik des Evangeliums (Jn 8,12; vgl. 9,5) Christus selbst ist. „Ich bin das Licht der Welt" - sagt er. Dieselbe Symbolik charakterisiert auch die Liturgie der Kirche, und drückt sich besonders in der Osternachtsliturgie aus, wo der Diakon das Exultet vor der brennenden Osterkerze zu Ehren des Auferstandenen singt. Wenn aber Christus das Licht der Welt ist, müssen auch die Christen an dieser großartigen Sendung teilnehmen: „Ihr seid das Licht der Welt" - sagt Christus im Matthäusevangelium (Mt 5,14).

Die einzelnen Christen, aber auch die ganze Kirche beteiligen sich an der dreifachen Sendung Christi. So lehrt uns mit besonderem Nachdruck das II. Vatikanische Konzil, besonders in seiner Konstitution über die Kirche (Lumen Gentium).

2. Es ist also theologisch nicht grundlos, wenn wir seit langen Jahrhunderten die wichtigen Verantwortlichen der irdischen Gesellschaft als solche Personen betrachten, die mit der göttlichen Sphäre, und besonders mit der Person Jesu Christi verbunden sind. Alt ist die Idee der Gottesbeziehung der weltlichen Herrscher, tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Es scheint aber fast allgemein in der menschlichen Geschichte, dass sich Herrschaft und Recht eine besondere Beziehung zum Übernatürlichen beanspruchen. Das alles kann uns, westlichen Menschen des 21. Jahrhunderts, und zwar nicht ganz unberechtigt, als eine alte Form von Herrschaftsideologie vorkommen. Weil aber dieses Phänomen in der Geschichte der menschlichen Gesellschaften so allgemein verbreitet war, können wir doch mit Fug und Recht vermuten, dass hinter den historischen Ausdrucksformen eine grundlegende Realität steckt. Die großen gesetzgeberischen Werke der Vergangenheit, angefangen mit dem Gesetzbuch von Hammurabi, fortgesetzt sogar in der christlichen Ära mit dem Codex Iustinianus, oder mit dem Gesetzeswerk des heiligen Stephan von Ungarn, beginnen mit irgendeinem Bezug auf Gottheit und Religion. Die Funktion dieser Einleitungen ist einerseits die Begründung der Autorität des Gesetzgebers, andererseits aber der viel tiefere Anspruch, eine souveräne menschliche Gesellschaft in den Zusammenhang des Kosmos und der übernatürlichen Welt, also des gesamten Seins zu stellen. Und aus dieser Sicht haben auch die alten Herrschaftstraditionen ihre Bedeutung bis heute nicht ganz verloren.

3. Am heutigen Karlsfest denken wir also an den unvergesslichen Kaiser Karl den Großen, der Muster der späteren christlichen Kaiser und Könige geworden ist. In der heutigen Messe erklingen als Fürbitten die mittelalterlichen königlichen Loblieder, die sogenannten Laudes Regiae, die ihrerseits auch tiefe Wurzeln in der vorchristlichen römischen Tradition haben. Christus vincit! Christus regnat! Christus imperat! Die christliche Gemeinschaft fühlt sich unter der Herrschaft Gottes, und ganz konkret unter der Herrschaft Christi, von dem der heilige Apostel Petrus in seiner Pfingstrede versichert hat: „Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht" (Apg 2,36). Somit haben wir nach dem großen göttlichen Plan der Liebe zu leben. Diese Ökonomie des Heiles wurde durch Christus geoffenbart. In einem solchem Kraftfeld lebt also die ganze Menschheit. Die Kräfte des Heiles und der Liebe wirken schon in unserer Geschichte. Dies gibt Energie und Optimismus -auch unserer oft von Ängsten bedrückten, manchmal schon müde gewordenen und illusionslosen Welt.

Die Geschichte ist also kein Zufall. Die Existenz der Menschheit ist nicht sinnlos. Es ist wertvoll und vernünftig und sogar auch möglich, nach höheren Werten zu streben. Wir haben Grund zum Beten und zum Bitten. „Erhöre uns, Christus! Der Heiligen Kirche Gottes, der auserwählten Braut des Lammes, festen Glauben, Schutz von oben, ewiges Heil!" - so singen wir weiter und bitten dann den Heiland, die heilige Maria, den heiligen Josef und die anderen Heiligen um Hilfe und Schutz für unseren Papst Benedikt, für unseren Bischof Heinrich, aber auch für das deutsche Volk, für alle, die die Staaten leiten und für alle Menschen.

Die herrliche uralte Melodie und der lateinische Text dieser Fürbitten sind geschichtlich mit einem Text sehr eng verbunden, den man in einer alten liturgischen Sammlung der Ordines franco-romani findet. Damals bezog sich die Formel höchstwahrscheinlich auf die zwei Kaiser Ludwig den Frommen und Lothar, den Nachfolger Karls des Großen, wie Ernst Kantorowicz seinerzeit meisterhaft gezeigt hat[2].

4. Liebe Brüder und Schwester! Wir sind hier in Aachen, wo alles an Karl den Großen erinnert. Seine Person und die karolingische Tradition bestimmten auch viele Züge des späteren deutschen Kaisertums. Eine berühmte Miniatur im Aachener Evangeliar, gemalt um 973, zeigt Kaiser Otto II. auf dem Thron. Der Thron steht auf dem Rücken einer symbolischen Gestalt, die die Erde darstellt. „Zugleich reicht die Hand Gottes von oben herab und berührt das Diadem auf dem Haupt des Kaisers, was Aufsetzung desselben oder Segnung bedeuten kann."[3] Das Bild strahlt also eine Vision aus, nach der die kaiserliche Macht groß und heilig ist und sogar berufen, mit der Gnade Gottes mitzuwirken. Sie kann die Erde, die menschliche Gesellschaft mit der Ganzheit des Kosmos und mit Gott selbst verbinden.

Heutzutage leben wir nicht in der Welt der mittelalterlichen Symbole und Herrschaftsideologien. Die allgemeine Botschaft dieser langen und in der ganzen Menschheit verbreiteten Tradition, die von Karl dem Großen vorzüglich vertreten wurde, ist jedoch im Grunde genommen auch heute aktuell. Das menschliche Gemeinwesen kann nämlich nicht gänzlich den individuellen Interessen und willkürlichen Wünschen ausgeliefert sein.

Es muss die Realität des Alls, oder wie wir im biblischen Glauben sagen, der Schöpfung, und sogar diejenige des Schöpfers selbst berücksichtigen. Diese Notwendigkeit setzt aber die Möglichkeit voraus, die objektive Realität adäquat zu erkennen. Wir wissen natürlich mit den großen deutschen Philosophen und Theologen Nikolaus Cusanus, dass unser Bild über die Realität nie vollständig und erschöpfend sein kann. Wir sind nicht Schöpfer dieser Welt, und je mehr die menschliche Wissenschaft vom Reichtum der Welt erkennt, desto mehr neue Fragen stellen sich. Unser Wissen ist ja in diesem Sinne eine „wissende Unwissenheit", eine „docta ignorantia".

Aber der Kusaner war ein gläubiger Christ mit viel Vertrauen dem Schöpfer gegenüber. Er behauptete nämlich, dass wir die für uns notwendigen Kenntnisse von Gott und Welt erwerben können. Und dies ist der Grund unserer Bescheidenheit, aber auch unseres christlichen Optimismus. Auf dieser realistischen Einstellung kann man das Leben der menschlichen Gemeinschaft auch heute bauen. Dazu gehört nämlich auch die Möglichkeit der Kommunikation mit Gott selbst, vor allem durch Christus, in dem wir den Herrscher der Schöpfung verehren.

Auch heute ist es für Europa lebenswichtig, der Grundlagen ihrer gemeinsamen Identität bewusst zu werden. Wie Johannes Paul II. betont hat: während fast zwanzig Jahrhunderten hat das Christentum zur Ausbildung einer Vision der Welt und des Menschen beigetragen, die auch heute über alle Schwachheit und Zerrissenheit hinaus grundlegend und aktuell ist. Die christliche Botschaft vermittelt eine so enge Beziehung zwischen den Menschen und seinem Schöpfer, die allen Aspekten des Lebens einen besonderen Wert verleiht. Unser Körper wie auch das Weltall sind Werke und Geschenke Gottes. Die menschliche Person ist von Gott selbst zu einer positiven Beherrschung von sich selbst und von der Erde berufen, und somit gehört die menschliche Kreativität zur christlichen Weltanschauung, die die Schöpfung hochschätzt, und die menschliche Verantwortung anerkennt. Diese Auffassung hat zur Entwicklung der Wissenschaften und der Technik in der europäischen Geschichte weitgehend beigetragen.[4] Sie gehört aber zur allgemeinen christlichen Botschaft, die an allen Menschen aller Zeiten gerichtet ist.

Beten wir für Europa, für alle Völker und Kulturen, die in diesem Kontinent ihre christlich geprägte Identität bewahren. Beten wir für alle Menschen, die von anderen Teilen der Welt in unseren Kontinent kommen, damit wir im Dialog der Kulturen die frohe Botschaft Christi und die Hoffnung, die auf unserem Glauben gründet, weitergeben können. Herr Jesus Christus, sei unser Licht und unser Leben! Amen.

[1] Die Bibel. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes. Deutsche Ausgabe mit den Erläuterungen der Jerusalemer Bibel, hrsg. v. Diego Arenhoevel - Alfons Deissler - Anton Vögtle, Leipzig o. J., 1465.

[2] Ernst H. Kantorowicz, Laudes Regiae. Uno studio sulle acclamazioni liturgiche e sul culto del sovrano nel Medioevo, Milano 2006, 113.

[3] Ernst H. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, DTV, München 1990, 82-83.

[4] Vgl. Johannes Paul II., Discorso all'Assemblea Parlamentare del Concilio d'Europa, durante la visita al palazzo del parlamento di Strasburgo, 8. Oktober 1988, in L'Osservatore Romano 9. Oktober 1988 (=Ders., Profezia dell'Europa, a cura di Mario Spezzibottiani, 2Casale Monferrato 1999, S. 298, Nr. 486.)
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