Reinhard Cardinal Marx Reinhard Cardinal Marx
Function:
Archbishop of Munich and Freising
Title:
Birthdate:
Sept 21, 1953
Country:
Germany
Elevated:
Nov 20, 2010
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German Wir sollten noch schneller aussteigen
Apr 17, 2011
Dass die Atomkraft eine Brückentechnologie ist, sei doch Konsens gewesen, sagt Reinhard Marx im Interview. „Wir brauchen eine neue Fortschrittsidee.“ Der Kardinal über den Verlust des Maßes und die Rolle der Kirche in einer Staatskommission.

Herr Kardinal, welche Schlüsse ziehen Sie aus der Katastrophe in Fukushima?
Man hätte wissen können, dass das Risiko der Atomenergie auch in einem hoch industrialisierten Land real ist. Schon lange wissen wir zudem, dass die Frage der Endlagerung nicht gelöst ist. Ich kann also nicht sagen, dass völlig neue Erkenntnisse da sind.
Und jetzt sind Sie für Ausstieg?

Es war doch schon Konsens: Die Atomkraft ist eine Brückentechnologie. Ich hatte nur den Eindruck, dass einige Leute von Brücke sprachen, aber in Wirklichkeit den Brückenkopf für immer halten wollten. Ich jedenfalls bedauere, dass im vergangenen Herbst die Laufzeiten noch einmal verlängert wurden.
Das bedauern Sie jetzt. Damals hat man nichts von Ihnen gehört.

Das ist nicht ganz richtig. Klar ist, dass eine zeitliche Perspektive für den Atomausstieg nicht unser vordringlichstes Thema war, weil wir von dem Konsens ausgegangen sind. Wir haben aber schon vor Fukushima im vergangenen September eine Stellungnahme abgegeben, aus der eine Skepsis gegenüber der Laufzeitverlängerung hervorgeht.
Und jetzt soll alles noch schneller gehen?

In jedem Fall muss das neu bedacht werden, und wir müssen auf den Pfad eines gesellschaftlichen Konsenses zurückkommen – wenn möglich, sollten wir noch schneller aussteigen. Von heute auf morgen wird es aber nicht gehen, so weit ich das als Bischof beurteilen kann.
Was kann ein Bischof überhaupt zu diesen technischen, politischen und wirtschaftlichen Fragen beitragen?
Wir stellen die ethische Frage: Dürfen wir uns einer Technologie anvertrauen, die unabschätzbare Folgen für ganze Generationen hat? Da sagen wir nein. Und es geht hier um Güter, die wir nicht dem Markt allein überlassen dürfen.
Die Kernenergie war vom Bau bis zum Abriss nie eine Marktveranstaltung.

Energie ist keine Ware, die wir behandeln sollen wie alle anderen Waren. Wir müssen dem Ganzen einen politischen und gesellschaftlichen Rahmen geben. Dabei müssen wir abwägen, welche langfristigen Auswirkungen und Belastungen wir akzeptieren wollen. Das gilt nicht nur für die Kernenergie.
Wie also ist Ihre Utopie eines Energiemixes?

Es geht um mehr als einen Energiemix. Es geht auch darum, wie wir leben wollen, es geht darum, Maß zu halten. Unsere Lebensstile müssen sich ändern zugunsten klimaverträglicher und ressourcensparender Wohlstandsmodelle. Zudem brauchen wir technische Innovationen, damit die Effizienz steigt und weniger Energie benötigt wird. Es wäre ein ermutigendes Beispiel für andere Länder, wenn Deutschland zeigen würde: Der Ausstieg mit dem Ausbau regenerativer Energien ist machbar!
Das bringt neue Verteilungsprobleme, wenn wir die unergiebigen Solaranlagen der Hausbesitzer subventionieren und die Ärmeren höhere Strompreise zahlen.

Es ist so, wie Sie es darstellen, nicht gerecht. Ich verstehe nicht, dass so etwas von Leuten verteidigt wird, die sonst strikt gegen Subventionen sind. Aber neuen Technologien Wege zu eröffnen, kann sinnvoll sein.
Ein Hartz-IV-Empfänger bekommt höhere Strompreise nicht vom Staat erstattet.

Da müsste man über einen Ausgleich diskutieren. Wir reden hier von Menschen an der Armutsgrenze. Da kann ich nicht sagen: Das ist völlig belanglos, falls die Preise steigen.
Generell nehmen Sie aber in Kauf, dass Energie teurer wird?

Vielleicht ist Energie tatsächlich zu billig gewesen. Die Frage muss in einem größeren Rahmen diskutiert werden. Dabei sollte es ehrlicher zugehen als bei der Kernenergie, wo die wirklichen Kosten bis heute nicht einkalkuliert sind. Grundsätzlich geht es aber um die Frage, ob wir immer mehr und noch mehr Energie beanspruchen können.
Sie plädieren für eine Drosselung des Wachstums?

Die These vom Ende des Wachstums ist eine abwegige Vorstellung. Aber was man unter Wachstum versteht, ist neu zu diskutieren. Wir sind gerade in der Fastenzeit. Da fällt es mir nicht schwer, für eine Spiritualität des Maßes zu plädieren.
Grenze und Maß hört sich gut an. Aber was heißt das konkret?

Es geht letztlich um den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf. Wenn wir meinen, diese Grenze überschreiten zu können, dann führt das zu einem Menschenbild, das für mich nicht akzeptabel ist. Wenn wir die unkalkulierbaren Risiken der Atomtechnik vielen Unbeteiligten über Generationen hinweg zumuten, dann haben wir das rechte Maß verloren. Das hat eine ganz andere Dimension als etwa die Gefahren im Straßenverkehr.
Woher wissen Sie im Einzelfall, wo diese Grenze liegt?

Man muss das mit rationalen Argumenten begründen. Das ist anstrengend, aber nicht unmöglich.
Sie sagen nicht einfach: Das steht so in der Bibel?

Es gibt Grunderkenntnisse, die jedem Menschen zugänglich sind. Ich muss kein Christ sein, um sagen zu können: Das ist gut, das ist böse; das ist gerecht, das ist ungerecht. Diese Unterscheidung ist rational und sollte grundsätzlich für alle Menschen nachvollziehbar sein.
Dazu gehört auch der Satz: Wir müssen uns von der Kernenergie verabschieden?

Auf der globalen Ebene noch nicht.
Das ist keine Frage von Gut und Böse?

Es geht nicht einfach um gut und böse, sondern um den ethisch vorzuziehenden Weg. Die rationalen Argumente sprechen viel stärker für den Ausstieg. Aber deshalb sage ich einem Befürworter der Kernenergie nicht: Du bist kein Christ.
So klar war die Position der Kirche zur Atomfrage nicht immer.

Ich habe nicht den Hochmut, dass die Kirche immer alles besser weiß. Aber der damalige Vorsitzende der Bischofskonferenz Joseph Höffner hat schon 1980 gesagt: Wenn die Risiken der Atomkraft nicht abzuschätzen sind, dann dürfen wir das eigentlich nicht machen.
Da war die Anti-Akw-Bewegung schon in vollem Gange. Schwimmt auch die Kirche nur auf der Welle des Zeitgeists?

Die Stellungnahme von 1980 war dem Mainstream nicht angepasst. Auch sonst stehen wir nicht gerade im Verdacht, immer mit dem Zeitgeist zu gehen.
Wenn es um kirchliche Belange geht. Aber in allgemeinpolitischen Fragen?

Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik – das sind doch keine kirchenspezifischen Fragen!
Aber kirchliche Kernthemen. Auch in der Sozialpolitik haben Sie sich stets angepasst. 2003 wollten Sie mehr Reformen, nach der Finanzkrise war der Kapitalismus wieder schlecht.

Da haben Sie unser Papier von 2003 falsch verstanden. Es hieß: „Das Soziale neu denken“. Sein Impuls war, die Soziale Marktwirtschaft zu verteidigen und neu auf die Beine zu stellen angesichts der vorherrschenden wüsten Polemik gegen den Sozialstaat. Im Übrigen: Wenn wir den Geist einer Zeit völlig ignorierten, würden Sie uns Weltferne vorhalten. Nur weil jetzt in einer aufgewühlten Situation eine atomkritische Haltung vorherrscht, muss sie deshalb noch nicht falsch sein.
Sie sind Mitglied einer Atom-Ethik-Kommission der schwarz-gelben Regierung. Aber Sie sind der Erzbischof von München und kein Staatsdiener! Warum gehen Sie in so einen Arbeitskreis?

Die Frage kann man stellen. Aber wenn die Kanzlerin als Repräsentantin des Gemeinwesens um einen Rat bittet, dann sollten wir als Kirche unseren Beitrag einbringen.
Sie könnten als Feigenblatt benutzt werden?

Die Kirche lässt sich nicht domestizieren und instrumentalisieren. Wir äußern unabhängig unsere eigene Position und bereiten übrigens schon länger selbst einen Text zur Energiefrage vor. Sie können davon ausgehen, dass die Meinung der Kirche nicht in der Meinung der Kommission aufgehen wird.
Hat die Weltkirche zur Atomkraft eine Position?

Da ist die Diskussion weltkirchlich noch nicht zu Ende. In der letzten Enzyklika des Papstes steht einiges zur Energiefrage, die für ihn eine zentrale Herausforderung für die Zukunft ist.
Haben Sie über die AKWs schon mit französischen Bischöfen gesprochen?

Natürlich ist eine solche Position immer von dem Umfeld geprägt, in dem man lebt. Aber das Thema der Abwägung ist damit auch für die Kirche in Frankreich sicher nicht erledigt.
Sind jetzt die erneuerbaren Energien unsere Fortschrittsperspektive – oder ist Fortschritt ein theologisch sinnloser Begriff?

Wir brauchen eine neue Fortschrittsidee. Die christliche Vorstellung vom Menschen geht davon aus, dass er von seiner Freiheit auch Gebrauch macht, dass Neugierde und Weiterentwicklung möglich sind. Nur zu bewahren, ist dieser Idee nicht angemessen.
Aber bei den Atomkraftwerken wird es keinen Fortschritt mehr geben?

Fortschritt bedeutet hier, dass man aussteigt, das Problem der Endlagerung löst und wirklich eine Energiewende einleitet.

http://www.faz.net/s/Rub469C43057F8C437CACC2DE9ED41B7950/Doc~EDE873EB2384046AABE5874C91B561EF5~ATpl~Ecommon~Scontent.html
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