Miloslav Cardinal Vlk † Miloslav Cardinal Vlk †
Function:
Former Archbishop of Praha, Czechia
Title:
Cardinal Priest of S Croce in Gerusalemme
Birthdate:
May 17, 1932
Country:
Czechia
Elevated:
Nov 26, 1994
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Aussöhnung ist noch nicht gelungen“
Sept 20, 2009
Vor Papstbesuch in Tschechien: Prags Kardinal Miloslav Vlk bedauert die nicht überwundenen Vorbehalte gegenüber Deutschen

Prag/Passau. Im Interview mit der Passauer Neuen Presse erläutert Kardinal Miloslav Vlk (77), wie sehr der Kommunismus die Kirche daran hinderte, den Gedanken der Aussöhnung nach der Wende auch der Zivilgesellschaft nahe zu bringen.

 Vor 20 Jahren, 1989, fiel der Eiserne Vorhang. Das bedeutete auch für die Beziehungen der katholischen Kirche in Tschechien und Bayern zahlreiche neue Kontaktmöglichkeiten. Vor allem die ostbayerischen Bistümer waren hier involviert. Wie haben Sie diese neue Nähe damals erlebt?

Vlk: Sehr konkret. Kontakte knüpften wir gleich 1990, als ich noch Bischof in Budweis war, denn bereits in Zeiten des Kommunismus halfen uns die Passauer und Linzer Diözese ideell und auch finanziell. Mit dem damaligen Passauer Bischof Eder und dem Linzer Bischof Aichern war ich persönlich befreundet. Beide nahmen an meiner Bischofsweihe teil.

 Wie waren die offiziellen Schritte der Kirchen nach der Wende?

Vlk: Die Bischofskonferenzen wechselten Briefe, in denen sie die Gegenseite um Verzeihung für vergangenes Unrecht baten und die Hand zur Versöhnung ausstreckten. Es gab die „Marienbader Gespräche“, wo versucht wurde, Wunden der Vergangenheit aufzuarbeiten. In kirchlichen Kreisen war die Bereitschaft zur Aussöhnung spürbar, und wir hofften, damit ein Zeichen für die Zivilgesellschaft zu setzen. Doch das ist leider nicht gelungen.

 Warum nicht?

Vlk: Der Kommunismus brauchte ein Feindbild und nährte die Idee des vermeintlichen deutschen Revanchismus. Den Menschen wurde eingeflößt, dass auf der anderen Seite der Grenze Leute leben, die ihre Sicherheit bedrohen, die kommen wollen, um ihnen alles wegzunehmen. Das blieb haften. Als der damalige Bundeskanzler Kohl Anfang der 90er Jahre auf die Prager Burg ging, um Vaclav Havel zu besuchen, waren hier viele gegen diese Versöhnungsgeste. Der Kommunismus bearbeitete die Mentalität der Menschen, vernichtete systematisch ihren Sinn dafür, was Recht ist, und prägte ihnen die Feindschaft gegenüber den Deutschen ein. Das muss man aufarbeiten und heilen.

 Wie war eigentlich nach dem Zweiten Weltkrieg die Einstellung der tschechischen Bischöfe zur Vertreibung?

Vlk: Unsere Bischöfe riefen damals die tschechoslowakische Regierung auf, bei der Vertreibung nicht das Prinzip der Kollektivschuld anzuwenden und Humanität walten zu lassen. Das beinhaltet ein Hirtenbrief aus der damaligen Zeit und auch ein an die Regierung adressiertes Memorandum. Leider weiß man nur wenig dazu, weil es nicht öffentlich gemacht wird. Was aber noch bekannt ist, wie erst kürzlich aus einigen Dokumenten der kommunistischen Geheimpolizei ersichtlich wurde, besprachen im Jahre 1968 der damalige tschechische Bischof Stepan Trochta und der deutsche Bischof Adolf Kindermann die Möglichkeit, ein Versöhnungstreffen deutscher und tschechischer Katholiken in Litomerice (Leitmeritz) zu veranstalten.

 Warum meinen Sie, dass nach der Wende die Versöhnungsgesten der katholischen Kirche in der breiteren Gesellschaft nicht Schule machten?

Vlk: Politiker auf beiden Seiten, aber speziell hier bei uns in Tschechien, haben es nicht als Schlüsselmoment begriffen. Im Gegenteil: Sie haben den Nationalismus als Trumpf bei den Wahlen und anderen Gelegenheiten benutzt.

 Bedeuteten die Kontakte mit den Katholiken in Bayern auch eine Starthilfe für die Kirche im nachkommunistischen Tschechien?

Vlk: Bayerische, aber auch österreichische Christen halfen bei der Erneuerung von verwahrlosten Kirchen und Friedhöfen im Grenzland, wo auch einige ihrer Vorfahren liegen. Diese Zusammenarbeit gedeiht bis heute. Ihre eigentlichen Probleme aber muss die tschechische Kirche allein bewältigen.

 Welche Probleme sind das?

Vlk:Unsere Kirche war auf den Freiraum, den sie nach der Wende erlangte, nicht genug vorbereitet. Der Kommunismus hielt sie sehr in Schach. Das Kirchenleben konzentrierte sich strikt auf die Kirchen und Sakristeien, Priester und Laien durften nicht zusammenarbeiten. Dieses Erbe heißt es zu überwinden. Laien müssen aktiv werden, und Priester müssen sich klar darüber sein, dass predigen nicht ausreicht. Es ist notwendig, das Evangelium zu leben, die Erfahrung zu machen und Zeugnis abzulegen. Eine säkularisierte Gesellschaft will sehen, nicht hören. Erschwerend kommt hinzu, dass hier von der Politik immer wieder nur die Transformation der Wirtschaft betont wird. Eine Transformation des Herzens dagegen, die Wertegrundlagen schaffen würde, wird vernachlässigt.

 Gelingt es der Kirche, hier eine Änderung zu bewirken?

Vlk: Sehr langsam, aber es geht voran. Das zeigt sich vor allem bei sehr erfreulichen Ergebnissen der Caritas.

 Sie selbst müssen eigentlich wissen, was „gelebtes Evangelium“ bedeutet, da Sie vor der Wende jahrelang ihren Priesterberuf nicht ausüben durften und sich als Fensterputzer durchschlagen mussten.

Vlk: Selbstverständlich. Alle Möglichkeiten meiner priesterlichen Tätigkeit in der Öffentlichkeit wurden mir damals genommen. Dafür hatte ich die Möglichkeit, sie innerlich auszuüben, und das bedeutete mir viel.

 Pflegen Sie noch Kontakte aus dieser alten Zeit?

Vlk: Ja, natürlich. Auch aus diesem Grund freue ich mich schon, dass ich dafür mehr Zeit haben werde, wenn ich in Rente bin. Einige meiner damaligen Freunde nehmen mir vielleicht schon übel, dass ich sie vergessen hätte. Aber es ist nicht einfach: Ein hohes Amt setzt einem Grenzen.

 Der Papst besucht Ende September Tschechien. Er stammt aus Bayern und ist damit ein unmittelbarer Nachbar. Spielt das eine Rolle in der öffentlichen Diskussion?

Vlk: Bayern ist uns nahe, nicht nur geographisch, sondern, ich glaube, auch was die Mentalität betrifft. Viele Vertriebene siedelten sich nach dem Krieg in Bayern an. Dennoch glaube ich nicht, dass es bei dem Papstbesuch eine bedeutende Rolle spielen kann.

 Wie aus Tschechien zu hören ist, verdächtigen manche Kreise den Papst, ein Sprachrohr der Sudetendeutschen zu sein. Wie begegnen Sie solchen Vorwürfen?

Vlk: Sehr einfach. Mit der Gegenfrage, ob es dafür irgendwelche Beweise gibt. Mit Verdachtsmomenten auf realer Ebene zu argumentieren, wäre unseriös.

 Es gab in Tschechien eine Diskussion, ob der Papst in seinen Ansprachen nicht lieber deutsch statt englisch oder italienisch sprechen sollte. Er hat sich für Letzteres entschieden. Auch aus Rücksicht auf die Wunden der Vergangenheit?

Vlk: Das ist ein von den Medien verbreitetes Gerücht, weiter nichts. Wir in der Kirche betonten gleich, dass die jüngere Generation heutzutage vor allem auf Englisch anzusprechen ist. Italienisch ist wiederum der Liturgie nahe. Danach werden die Sprachen ausgewählt, die der Papst bei den Veranstaltungen in Tschechien benutzen wird.

http://www.pnp.de/nachrichten/artikel.php?cid=29-25439038&Ressort=bay&Map=&BNR=0
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